Prien – Eine unter die Haut gehende Auseinandersetzung über Recht und Gerechtigkeit lieferte Magdalena Köchl vom Salzburger Theater Chronos in einem knapp 90-minütigen Monolog im Chiemsee Saal. Der Inhalt: Eine Strafverteidigerin vertritt Vergewaltiger vor Gericht, sorgt für deren Freispruch. Doch dann wird sie selbst vergewaltigt.
Auf der Bühne ist es ein Rollenspiel, ein Spiel, bei dem Magdalena Köchl von der selbstbewussten Verteidigerin zur verzweifelt sich selbst Verteidigenden wird, quasi von einer Anklagenden zum Opfer. Und es ist doch mehr als ein Theaterstück, denn sexualisierte Gewalt ist bittere Realität.
„Es gibt nur die
juristische Wahrheit“
Als erfolgreiche Anwältin hat Tessa Ensler, die Hauptfigur, bis zu der einen Nacht geglaubt, dass das Gesetz alle schützt. Mit großem Ehrgeiz und harter Arbeit hat sie sich aus der Unterschicht über die Law School in Cambridge nach oben gekämpft, ist in ihrer Kanzlei eine der Besten. Dass ihre Mandanten Sexualstraftäter sind, ist für sie kein Widerspruch. Denn „es gibt keine wirkliche Wahrheit, nur die juristische“. Im Recht kennt sie sich aus: „Wir halten uns an die Regeln.“
Ganz anders daheim, da ist sie die Tochter, die sich einfügen muss. Großartig, wenn sie dabei in den österreichischen Akzent zurückfällt. Anders bei Gericht, da will sie gewinnen, nimmt die Zeugen knallhart ins Kreuzverhör, schert sich nicht um die tragischen Geschichten der Opfer. Ihre private Seite zeigt sie erstmals und sehr leidenschaftlich, als sie im Büro mit ihrem nicht minder erfolgreichen Kollegen Julian eine Affäre beginnt. Doch dieses vermeintliche Glück wird zum Albtraum: Er vergewaltigt sie nach einer gemeinsam durchzechten Nacht. Sie erstattet Anzeige und durchlebt all das, was die Frauen, die ihr sonst im Zeugenstand gegenübersitzen, durchleben. Die Angst, dem Täter wieder zu begegnen. Das ewige Warten auf den Prozess. 782 Tage sind es in ihrem Fall. 782 Tage, an denen sie an sich selbst, am System und der eigenen Entscheidung zweifelt. Die Scham. Das Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung. Das erneute Durchleben des Geschehens im Prozess. Die kritischen Fragen. Sie macht sich Mut: „Ich will die Überlegenere sein“, während der Mann, der sie vergewaltigt hat, auf unschuldig plädiert und ihr vorwirft, sein Leben zu zerstören. Sie ist es, die die Abteilung in ihrer Kanzlei wechselt, um ihren ehemaligen Freund und Vergewaltiger nicht mehr sehen zu müssen. Doch genau das wird ihr später im Gerichtsprozess auch noch zum Verhängnis.
Sorgt die Rechtsprechung für Gerechtigkeit? Tessa sagt: „Ich habe meine Würde, meinen Seelenfrieden verloren…“ Dabei hatte sie doch bis dato ihren Glauben an das Gesetz, „ihm hatte ich mein Leben verschrieben.“ Im Stück, inszeniert von Leonhard Dick, lenkt das minimalistische Bühnenbild die Aufmerksamkeit vollständig auf die Hauptfigur. Sound- und Lichteffekte unterstreichen allein die Bedeutung des jeweiligen Moments.
Das Bild der
blinden Justitia
Wenn die Schauspielerin am Ende des Stücks auf einer Treppe nach oben steigt, ihre Haare vor die Augen zieht (welch Sinnbild für die blinde Justitia), aber ihren Mund zu einem stillen Schrei öffnet, das geht unter die Haut. Man fühlt mit, man ahnt, warum so viele Übergriffe nie zur Anzeige kommen. Denn das, was danach kommt, ist für viele Opfer unerträglich.
Magdalena Köchl beherrscht die Klaviatur der leisen, nachdenklichen und lauten, aggressiven Töne, geht in den einzelnen Rollen auf. Und das Publikum? Erst nach langer Stille spendet es tosenden Applaus. „Prima facie,“ auf Juristendeutsch dem Anschein nach, ist ein Aufruf zur Veränderung des Systems: „Nein heißt nein.“ Danke für dieses gewichtige Statement.