Wenn Dorf, Dorp oder Trop Teil des Ortsnamens sind

von Redaktion

Bad Aibling – Leicht verständlich sind für Einheimische wie für Zuagroaste (Zugewanderte) die Grundwörter -bach, -hausen, -heim, -stett, -wald. Etwas schwieriger sind sicherlich Ortsnamen zu deuten, die auf -ach, -ham, -lach, -leiten, -loh, -wang enden.

Am leichtesten ist aber wohl das Grundwort „Dorf“ zu deuten. „Ländliche Gruppensiedlung“, „ab einer Größe von 100 Einwohnern“, „ab 20 Hausstätten“, „größenmäßig zwischen Weiler und Markt“, „Haufendorf“, „Straßendorf“, „Kirche“, „Gasthaus“, „Dorfgemeinschaft“, „Einkaufsmöglichkeiten“, „Handwerksbetriebe“, „Vereine“, „Sportanlagen“, „ÖPNV“: Um nur den wichtigsten Teil von Schlagwörtern zum Thema „Dorf“ zu nennen!

Was der Begriff „Dorf“ den meisten anderen Ortsbezeichnungen voraushat, ist sein altehrwürdiges Alter. Nimmt man die Ortsbezeichnungen für den Altlandkreis Bad Aibling als Beispiel, sind nicht die viel zitierten ing-Orte die ältesten Namen, sondern Ortsnamen, die auf -dorf enden: Helfendorf, 772 in den Freisinger Traditionen Nr. 50 (Übergabebücher) als Helphindorf erwähnt, und Derndorf, 777 ebendort in Nr. 85 als Dornakindorf erwähnt. Zugegeben: Götting ist als Cotingas (Nr. 83) für die Zeit um 776/783 belegt. Eine Art unentschieden mit Derndorf!

Während die -ing-Orte zumeist eine Zugehörigkeit bezeichnen: Willing = Ort der Leute des Willo, ist die Deutung des Begriffes „Dorf“ in der Sprachgeschichte tatsächlich umstritten. Ein wahrlich geheimnisvoller Name? Zumindest wird er immer noch verwendet, etwa 1972 für das „Olympische Dorf“ in München, das heute noch „Olympiadorf“ genannt wird, während die Ortsbezeichnungen mit -ingen beziehungsweise ab 1300 mit -ing ab dem 14. Jahrhundert nur noch selten vorgekommen sind.

Was wurde 772 – und davor – unter einem „Dorf“ verstanden? Wenn man sich auf den „Kluge“ verlassen will – „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ – lernt man dort als ursprüngliche Wortbedeutung für das 8. Jahrhundert: „Gehöft, bebautes (und umzäuntes) Land“. Diese Erklärung würde heutzutage eher zu einer „Einöde“ passen als zu dem, was wir heute unter einem Dorf verstehen. Das Lexikon nimmt aber durchaus Rücksicht auf diesen inhaltlichen Gegensatz: „Die heute übliche Bedeutung ‚Ansammlung von zusammengehörigen Gehöften‘ entwickelte sich offenbar in neuen Siedlungsgebieten, in denen die Wohnstätten aus Sicherheitsgründen mehrere Einheiten umfaßten.“ „Dorf“ lautete laut Lexikon germanisch „thurpa“, ein erschlossenes Wort. Im überlieferten Gotisch von Wulfilas Bibelübersetzung heißt der Begriff „thaurp“, dort als „bebautes Land, Acker“ verwendet. Die Schreibform „Dorf“ ist lautgesetzlich hochdeutsch, während heutiges „Dorp“ oder „Trop“ (Bottrop!) noch den germanisch-niederdeutschen Lautstand aufweist.

Die alternative Deutung stellt einen sprachlich-inhaltlichen Zusammenhang mit lateinisch „turba“ = Menschenmenge, Schar, Leute (unter anderem) her. Wenn man die heutigen Dorfgemeinschaften und früher beispielsweise die Kirtaschar (Kiuschdaschar, Kirchweihschar) in unseren Dörfern einbezieht, könnte man eher an die sprachliche Verwandtschaft mit der „turba“ denken.

Haben aber im südlichen Altlandkreis Bad Aibling die Hiesigen den gotischen Lautstand bewahrt? „Lisldarf und Dejndarf“ heißt es da mit hellem a im „Dorf“! höa

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