Der Mahlstrom des Unterbewussten im Alltag

von Redaktion

Die Ausstellung „Traumhaft!“ in der Städtischen Galerie Traunstein beleuchtet Positionen des Surrealismus

Traunstein – Es sind diese fragenden Augen unterschiedlichster Gestalten, die einem unter die Haut fahren. Die Figuren oder auch Tiere blicken uns aus einer anderen, surreal-traumhaften Art von Wirklichkeit an und wirken doch so echt und real, als könnte man sie jederzeit berühren. Uli Reiters mit Künstlicher Intelligenz (KI) produzierter Film „Narration kaputt“ in der Ausstellung „Traumhaft! – Surreale Wirklichkeiten“ ist nur ein Beispiel, das unseren Wirklichkeitsbegriff zutiefst infrage stellt. Noch bis 26. April bietet die Präsentation von sechs Künstlern in der Städtischen Galerie im Kulturforum Klosterkirche Gelegenheiten, in der Kunstbetrachtung Fragen an unsere aktuelle Gegenwart zu beleuchten.

Ausstellungen wie die zum Surrealismus in Hamburg im vergangenen Jahr zeigen, dass die Kunstströmung rund 100 Jahre nach ihrem Entstehen noch immer aktuell ist. Spiegelt sich in ihr doch eine künstlerische Reaktion auf eine zunehmend absurde und aus den Angeln geratenen Welt wider. Rebellierten die Surrealisten in ihrer Zeit noch gegen verkrustete Wert- und Weltvorstellungen oder sprachen sich für eine Erweiterung innerer und äußerer Wahrnehmungshorizonte aus, so scheinen heute surreal anmutende Wirklichkeiten längst zum Bestand der Alltagserfahrung zu gehören. Gerade hier bieten die sechs künstlerischen Positionen in der Ausstellung reizvolle Ansatzpunkte zum Hinterfragen eigener Positionen der Erfahrung von Wirklichkeit.

Uwe Bressnik aus Wien lädt zur Auseinandersetzung mit assoziativen Wahrnehmungseffekten ein, indem er durch geschichtete Netzraster-Flächen den Blick in einen Bildschirm mit Moiré-Effekt imitiert oder mit einem DJ-Pult ganz aus Naturmaterialien verblüfft. Sein Faible für Handwerk, Collage und kunstvolle Entfremdung beleuchten Werke, die Flohmarktfunde von Drucken und Fotografien durch die Kombination mit Naturmaterialien oder Schallplattenrillen als künstlerischen Code inhaltlich neu aufladen.

Den kindhaft anmutenden Blick „in ein Panoptikum menschlicher Eigenschaften und deren moralische Abgründe und Schwächen“, so Galerieleiterin Judith Bader, offenbaren spontan entstandene Kreidezeichnungen aus dem Skizzenblock des Traunreuter Kunstautodidakten Günther Schuhböck (2002). Die Grenzen zwischen Mensch, Tier und inneren Monstern auf seinen „Köpfen“ sind dabei fließend.

Wortwörtlich aus dem Zusammenhang gerissen sind die poetisch anmutenden Bildcollagen der Rosenheimer Künstlerin Franziska Eslami. Sie hat Ausrisse aus Printmedien neu kombiniert und versetzt mit der luftigen Anordnung auch eine Raumecke der Galerie in Schwingung. Rebellische Freude an der künstlerischen Zerstörung und Neugestaltung fester Ordnungssysteme lässt die Traunsteinerin Evelyn Thußbas erkennen. In ihren „Skizzenbüchern“ hat sie großformatige Fotobände über Tischdekoration und Klassikikone Herbert von Karajan malerisch überarbeitet.

In stark reduzierten, meisterhaft kombinierten Grafiken von Strichzeichnung und monochromen Farbflächen untersucht der Münchner Samuel Rachl die Beziehungsdynamik des modernen Menschen. Die schwebenden Geistwesen aus Mensch, Tier und Alltagsgegenständen wirken wie in einer hermetisch abgeschlossenen Versuchsanordnung im Labor. Uli Reiter greift auf die eindringlichste und komplexeste Art auf die Sinne des Betrachters zu. In seinem KI-Film erfindet sich eine mitunter hyperrealistisch anmutende Wirklichkeit aus kunsthistorischen Anspielungen, Gewalterfahrungen, Natur-, Tier- und Familienszenen, unterbewussten Assoziationen und Clownshumor auf eine bedrohlich wirkende Weise ständig neu. Die symphonische Musik potenziert die Eindringlichkeit und Suggestivkraft des Gesehenen. Axel Effner

Bis 26. April

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