Im Triumphmarsch ins Paradies

von Redaktion

Chorkreis St. Quirinus singt das „Stabat mater“ von Karl Jenkins

Rosenheim – Man kann, wie es viele tun, dem britischen Komponisten Karl Jenkins Effekthascherei vorwerfen – aber sein „Stabat mater“ ist wirklich sehr effektvoll. Und, wenn es gut gesungen ist, überwältigend. Und auch anrührend. Michael Gartner hat zusammen mit dem Chorkreis St. Quirinus und dem Orchester „Die Arche-Allstars“ in der rappelvollen Christkönigkirche eine Aufführung geschaffen, die alle überwältigte und anrührte. Der lang anhaltende Schlussapplaus im Stehen bewies es.

Stimmstarker Chor
ist in seinem Element

Gartner dirigierte umsichtig, souverän gelassen, präzise gespannt und nur leise anfeuernd. Mehr brauchte es nicht, weil dem erfreulich vielzahligen und dadurch stimmstarken Chor anzuhören und anzusehen war, dass er dieses Stück liebt und mit Herzblut singt. Er kam so schnell auf Betriebstemperatur, wurde scharf im Klang bei „Gladius“ und schmerzensreich bei „dolorosa“.

Wie ein orientalischer Klagegesang hörte sich der Satz „Virgo virginum praeclara“ an, weil zu Streicher-Pizzicati die chorischen Harmonien sich schiebend herumschweifen. Und wie eine dumpfe Trauer-Passacaglia mit herabsinkenden Harmonien wirkte der Satz „And the Mother did weep“ („Und die Mutter weinte“). Wenn die Wunden des Gekreuzigten benannt werden („crucifixi plaga“ im Satz „Sancta Mater“), wehklagt der Chor zu schreienden Trompetenklängen.

Hier muss man vom Orchester sprechen: Viele Bläser und großes Schlagwerk hat Jenkins vorgeschrieben. Aber „Die Arche-Allstars“, ein betont jugendlich besetztes Orchester, spielte geschmeidig, reaktionsschnell und immer tonschön. Die Bläser waren weich und sauber, das Schlagwerk übertönte nicht alles, das Englischhorn klagte wunderschön gleichsam mit tränennassen Augen.

Zwei Kunstgriffe von Michael Gartner taten Wunder: Karl Jenkins hat keinen Kinderchor vorgeschrieben, Gartner verwendete aber einen: Als die Altistin Luitgard Hamberger mit Trauer in der Stimme das englische „Lament“ anstimmte und von den Schreien der Kinder sang, kamen diese dazu: Der Kinderchor Bimba Cantabile (vorzüglich von Anita Schulz einstudiert und geleitet) sang anrührend kindhaft, aber immer sauber und rhythmisch genau. Auch später mischte er sich immer wieder mit dem großen Chor und gab damit einen Schuss Tränen dazu, wenn die Mutter um ihren gekreuzigten Sohn weint. Der zweite Kunstgriff war der Einsatz einer orientalisch singenden Stimme: Jenkins nahm Texte in arabischer, hebräischer und aramäischer Sprache mit auf, die auch orientalisch gesungen werden sollten, also mit Vierteltonalität und lang gezogenen melismatischen Gesangslinien. Rita William aus Köln widmet sich schon lange der Begegnung von europäischer und westlicher Musik. Mit glühend-ausdrucksstarker und emotional tief anrührender Stimme sang sie ihre Partien, verstärkt durch ein Mikrofon, sodass sie ungehindert ihre Stimme improvisierend mäandern lassen konnte. Ihr Ehemann Rageed William begleitete sie mit der Duduk, einer leicht heiseren arabischen Oboe: Musik aus der Welt und der Zeit, als Christus gekreuzigt wurde.

Wenn Rita William zusammen mit Luitgard Hamberger zu fahlen Orchesterklängen Worte aus dem uralten babylonischen Gilgamesch-Epos singt und die Duduk dazu erklingt, fühlt man sich wirklich „lost out in darkness“, wie’s im Text heißt: Verloren in der Dunkelheit. Lateinisch, englisch, arabisch, hebräisch, aramäisch, babylonisch: Der halbe Erdkreis klagt. Am Ende führt ein grandioses Orchester-Crescendo zusammen mit dem Chor im Marschrhythmus in „Paradisi gloria“, in die Herrlichkeit des Paradieses: ein triumphaler Schluss in Bibelfilm-Monumentalität.

Effektvoller geht’s nicht mehr. Weil die Zuhörer nicht aufhören wollten zu klatschen, gab’s noch zwei Zugaben: Rita William sang noch mal etwas Orientalisches und der Chor einen traditionellen geistlichen Song aus Südafrika: Die Klage wurde weltumspannend.

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