Die Solisten stehen im Mittelpunkt

von Redaktion

Eindringliche Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach bei den Tiroler Festspielen Erl

Erl – Nach Jesu letzten Worten „Es ist vollbracht“ senkt sich feierliche Stille über alle und alles. Die Altistin schreitet von der Seite heran und wiederholt in ihrer Arie diese Worte. Es ist die gefühlsmäßige Mitte der diesjährigen Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach im Festspielhaus während der Osterfestspiele.

Jasmin Etminan hat in ihrem warmen und seelenvollen Alt allen Schmerz, allen Trost und doch auch alle Hoffnung, die Jesu Tod für alle bedeutet. Sie weitet mit ihrer Gestaltung dieser Arie den Raum mit Passionsgedanken.

Sie wird dabei nur von der wohlklingenden Gambe (Antonio Mostacci) und der alles überglitzernden Laute (Hans Brüderl) begleitet: ein nachdrückliches und emotional tief nachhallendes Lamento. Kurz darauf trauert tränenüberfließend und innig-intensiv Karola Sophia Schmid um Jesus und ruft der Welt und dem Himmel zu: „Dein Jesus ist tot!“ Vorher hatte sie schon mit helllichtem Sopran freudig verkündet, dass sie Jesus folgen wolle.

Diese Johannes-Passion ist eine Passion der Solisten – auch wenn der von Olga Yanum hervorragend einstudierte und wortdeutlich singende Festspielchor mit großer Chorwucht aufheult bei den geifernden Turba-Chören und die chromatischen Läufe dabei fast jaulend herausleuchten lässt, auch wenn er die Choräle glaubensfest singt. Den wilden Würfeltanz der Soldaten um Christi Kleid („Lasset uns nicht zerteilen“) bewältigt der Chor, obwohl wegen des rasenden Tempos an der Grenze der Singfähigkeit, virtuos.

Der Dirigent Tobias Wögerer ist sattelfest im Oratorienfach und treibt das Geschehen mit schwingender Gestik schnellflüssig voran. Das Orchester-Brodeln im Eingangschor ist unter ihm eher ein gefühlvolles Weben, die Leidensmetapher in den Vorhaltsketten der Holzbläser treibt er nicht in die Nähe von Hammerschlägen, die Nägel in das Kreuz treiben. Den Schlusschoral „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ lässt er nicht sich dynamisch entfalten, sondern versteht ihn von Anfang an als Triumphgesang.

Das Festspiel-Orchester spielt, als ob es ein genuines Barockorchester wäre, geschmeidig und reaktionsschnell, warmtönend und zurückhaltend in der Begleitung. Hervorragend waren die Holzbläser und feinzart die beiden Soloviolinen in der Begleitung der „Erwäge“-Arie des Tenors. Wenn es heißt, Jesus „neigte das Haupt und verschied“, antwortet die Continuo-Gruppe mit einem leeren Akkord. Als Einspringer sang Christopher Willoughby den Evangelisten, dramatisch vehement, opernhaft erregt und dann doch wieder auch chorknabenhaft-kopfstimmig zart, ehrlich entrüstet, wenn Petrus abermals leugnet, und in Koloraturen bitterlich weinend, wenn Petrus bereut.

Die Dramatik der Johannes-Passion entfaltet sich vor allem im argumentatorischen Zusammenprall von Jesus und Pilatus. Jacques Imbrailo überzeugte als Jesus mit seinem edel timbrierten Bariton, jeder Ton war von seiner Aufgabe als leidender Erlöser geformt und erfüllt. Als Pilatus kam im zweiten Teil Edward Grint schon herrscherlich hereingeschritten und herrscherlich drohend war oft sein Ton, dann aber auch zweifelnd („Von woher bist du?“), nachdenklich („Was ist Wahrheit?“) und fast ängstlich um seine Stellung besorgt („So bist du dennoch ein König?“).

Immer wieder wendete er sich direkt Jesus zu, um ihn anzusprechen, aber auch uns Zuhörern. Seinen Bass konnte er knorrig formen, aber in der Arie „Mein teurer Heiland“ auch ganz sanft machen.

Evangelist und Pilatus mussten auch die betrachtenden Arien singen: die einzige dramaturgische Fehlentscheidung dieser Passion. Denn dramaturgisch richtig saßen die beiden Solistinnen, wenn sie nicht sangen, am Rande und kamen dann erst in die Mitte. Wenn Evangelist und Pilatus die Arien singen, fallen sie aus ihrer berichtenden und agierenden Rolle heraus, müssen das besingen, was sie zuvor erzählt haben. Das allerdings taten sie intelligent und wohlklingend: Es war eben eine Passion der Solisten.

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