Wenn der Hofname den Ortsnamen ersetzt

von Redaktion

Bad Aibling – Im Eintrag zum Ortsnamenschatz der damals (1867) existierenden Gemeinde Dettendorf im Landgericht Aibling, seit 1939 Landkreis Bad Aibling, steht bei der Einöde Gern in Klammern: Gerer. Damit folgt die Autorengruppe Oberleutnant Joseph Heyberger, Hauptmann Chr. Schmitt und Hauptmann v. Wachter in deren Werk „Topographisch-statistisches Handbuch des Königreichs Bayern nebst alphabetischem Ortslexikon“ fast punktgenau der Praxis der örtlich üblichen Aussprache dieser besonderen Art von Ortsnamen. Gern bezeichnet eine Flur, die der Dreiecksform eines im Mittelalter verwendeten Wurfspeeres ähnlich ist.

Das war ein sogenannter „Ger“. Das im Namen erklärt sich durch die Ortsangabe „an“, „bei“ der Flur Ger-n. Da es sich bei den Gern-Orten zunächst um Einzelhöfe handelte, nannte man an Stelle des Flurnamens den persönlicher, individueller wirkenden Namen des Bewohners: Den „Gerer“.

Auffälligerweise nennen Heyberger und seine Co-Autoren im Falle von Gern in der damaligen (1867) Gemeinde Großholzhausen, die seit der Gebietsreform in den 1970er-Jahren der Gemeinde Raubling angehört, nicht den Bewohner, den „Gerer“, sondern allein den Flurnamen. Und wie wird diese Ortsangabe heutzutage gemacht? Dank des Projektes „Mundartformen“, das kürzlich von der Kommission für bayerische Landesgeschichte durchgeführt wurde, liegen uns originale Tonaufnahmen von Gewährspersonen vor, denen die Mundartformen unserer Ortsnamen gut vertraut sind. Marlene Rauscher aus Gottschalling sagt ganz spontan: „Beim Gerer“, nicht: „Gern“, als es um Gern in der ehemaligen Gemeinde Dettendorf geht, die ebenfalls seit der Gebietsreform der 1970er-Jahre zum Großteil in der Gemeinde Bad Feilnbach aufgegangen ist.

Zum Vergleich: Die Einöde Oberpremrain nennt Marlene Rauscher ebenfalls nicht beim Ortsnamen, sondern beim Hausnamen des Bewohners: „Beim Oberpremaroaner“. Maria Bothe aus Großholzhausen liefert bei der Einöde Gern in der Gemeinde Raubling gleichzeitig beide Möglichkeiten, Hofnamen und Ortsnamen: „Bein (nicht: beim) Gerer z’ Gern“. Hier wird auch deutlich, wie man in unserer Region einen Hofnamen bezeichnet. Es heißt nicht „Moar-Hof“ oder „Huber-Hof“, wie man es immer wieder in (Werbe-)Prospekten liest, sondern „Bein Moar“, „Bein Huawa“, schriftdeutsch „Beim Maier“, „Beim Huber“. Da es viele Zuwanderer nicht wissen, sei es gerne hier erwähnt: Der Hausname oder Hofname ist in den allermeisten Fällen nicht (mehr) der Name der Eigentümerfamilie, sondern der beispielsweise durch einen Flurnamen – hier: Gern – entstandene Name. Ein Huber Sepp trägt in Bayern den Hausnamen, nicht den Familiennamen. Beispiel: „Da Huawa Sepp is vom Huawa. Schreim duada si Müller“. Müller ist ursprünglich eine Berufsbezeichnung, die von der Tätigkeit in einer Mühle herrührt. Die Mühle spielt aber nicht nur in den Personennamen, sondern auch in vielen Ortsnamen eine große Rolle. Auffällig: In unserer Region ist das e der Endung fast völlig verschwunden: Obermühl heißt es zumeist, und wenn es noch steht, wird es nicht mehr ausgesprochen: Blodermühle ist laut Maria Bothe: „Bloudermill“! Armin Höfer

Artikel 8 von 9