Bad Endorf/Bruckmühl – Schon bei der Eröffnung der Ausstellung „Wastl Fanderl (1915 bis 1991) – ein Leben für die Volksmusik“ am vergangenen Sonntag in Schloss Hartmannsberg zeigte sich, dass es vor allem die Lieder und das gemeinsame Singen sind, die die Ära Fanderl zu etwas Besonderem machten. Die Ausstellungsmacher erhielten viele Dokumente aus der Bevölkerung. Auch am ersten Öffnungstag haben Besucher ihre Liederhandschriften und Erinnerungen, ihre Fotos und Materialien mitgebracht und für die Dokumentation dieser wichtigen Epoche der Nachkriegszeit zur Verfügung gestellt.
Die Ausstellung zeigt deutlich auf, dass Fanderl als charismatische Persönlichkeit die Menschen gewinnen konnte – seine Liedauswahl war dafür ein wesentlicher Punkt. In den 1930er-Jahren setzte er vor allem auf die überlieferten Lieder im Chiemgau, die er von seinem Heimatort Bergen aus sammelte. Dort hatte er 1936/1937 zu seiner ersten urlaubsartigen Singwoche eingeladen. Dabei hatte er mit den meist jungen Teilnehmern neben dem traditionellen Singen vor allem auch die neue dreistimmige Singweise eingeübt, die der Kiem Pauli (1882 bis 1960) kurz zuvor nach einem neu erschienenen Büchl mit Liedern aus dem Schneeberggebiet nahe Wien für die oberbayerischen Singgruppen neu eingeführt hatte. Die Aschauer Sängerinnen und die Riederinger Sänger waren schon Mitte der 1930er-Jahre wichtige Vorbilder der „alpenländischen“ Dreistimmigkeit, die damals auch im Reichssender München zu hören waren. Fanderl war dann vor allem in den 1950er Jahren maßgeblich mit seinen Gruppen und Singwochen an der Verbreitung dieser neuen dreistimmigen Singart in der Volksliedpflege beteiligt.
Die Ausstellung und die Begleitveranstaltungen zeigen auch, wie die Volksmusik vor Fanderl war und welche Persönlichkeiten seit den 1920er-Jahren agierten. Ebenso werden viele Beispiele der Zeit nach Fanderl thematisiert, was bleibt und was sich verändert bis in die Gegenwart. Volksmusik, das Singen, Musizieren, Tanzen und die dazugehörenden Lebens- und Jahresbräuche verändern sich immer wieder, in früheren Generationen langsam – heute ist diese einfache Lebenskultur einem schnellen Zeitlauf und sehr vielen Einflüssen ausgesetzt.
Morgen, Sonntag, ist die Volksmusikausstellung kostenlos von 13 bis 18 Uhr zugänglich. Um 14 Uhr gibt es eine Führung mit dem Kreisvolksmusikpfleger von Rosenheim, in der vor allem auch die Lieder und das Singen von Fanderl angesprochen werden. Schon um 11 Uhr findet eine offene Gesprächsrunde statt, in der Ernst Schusser die Verbreitung von Volksliedern in Tageszeitungen aufzeigt. Dabei wird der Bogen geschlagen von den 1830er-Jahren bis heute. Damals sollten Lieder über den Wittelsbacher König Otto von Griechenland die bayerische Bevölkerung zur Unterstützung dieses Abenteuers aufrufen. Fanderl hat in den 1950er-Jahren regelmäßig seine Lieder in Zeitungen veröffentlicht – diese wurden von den Sängerinnen ausgeschnitten und in ein Heft geklebt. Um 15.30 Uhr ist dann in der Ausstellung ein unterhaltsam-informativer Nachmittag: Es geht um die Singwochen in Bayern und Südtirol, mit denen Fanderl seine Lieder und ein neues Lebensgefühl verbreitet hat. Natürlich werden auch die Lieder gesungen, die von den Singwochen aus weitum bekannt wurden, wie „Kimmt sche hoamli de Nacht“. Teilnehmer an den Fanderl-Singwochen können aus ihren Erinnerungen erzählen und Bilder vorzeigen.
Die „Montagsinger“ laden die Bevölkerung am Montag, 20. April, zum Mitsingen von Volksliedern um 19 Uhr ins Gemeinschaftshaus Oberholzham (Markt Bruckmühl) ein. Der Abend und die Lieder stehen in Bezug zu Wastl Fanderl. Es geht um bekannte Lieder aus seiner Sammlung, wie das Kranerlied „Geh Bäurin ist denn gar neamt zHaus“ oder „De Gamserl schwarz und braun“ – dazu auch einige deutsche und bayerische Lieder über das Thema „Räuber und Gendarm“. Auch von Fanderl neugemachte Lieder wie „Hintn bei da Stodltür“ oder „Hans, was tuast denn du da?“ werden angestimmt. Für Getränke ist gesorgt, der Eintritt ist frei.
Wastl Fanderl hat – wie die Ausstellung zeigt – auch Lieder aus Sammlungen des 19. Jahrhunderts zu neuem Leben erweckt. Am Dienstag, 21. April, erzählt Ernst Schusser im Büro vom „Förderverein Volksmusik Oberbayern“ (Bruckmühl, Pfarrweg 11) um 19 Uhr über den Maler und Sänger Ulrich Halbreiter (1812 bis 1877) aus Freising und München – und wie Fanderl dessen Liedersammlung gefunden hat. Halbreiter gehörte zum Kreis um den Wittelsbacher Herzog Max in Bayern, vulgo „Zithermaxl“, und Vater der österreichischen Kaiserin Sisi. Halbreiter hat schon 1839 „Gebirgslieder“ herausgegeben, in 36 großformatigen, reich mit Motiven vom Almleben verzierten Blättern. Eva Bruckner hat Lieder zum Mitsingen ausgewählt, die Fanderl neu aufbereitet hat oder die seit dem 19. Jahrhundert im Wirtshaus gesungen werden, etwa „Und a Waldbua bin i“. Jeder Teilnehmer erhält kostenlos einen kommentierten Nachdruck der Liedersammlung „Gebirgslieder“ von Halbreiter. Anmeldung notwendig unter Telefon 08062/8078307, E-Mail ernst.schusser@heimatpfleger.bayern.
Ernst Schusser