Rosenheim – Da soll noch jemand sagen, die Rosenheimer Meisterkonzerte seien brave Abo-Veranstaltungen, die nur den Provinzgeschmack bedienen. In dieser Saison kamen zunächst die Slowenen, darauf die Polen und nun die Kroaten. Sie zelebrierten beileibe nicht nur gängige Reißer, sie stellten auch bei uns unbekannte, aber attraktive Meister ihrer Heimat ins Rampenlicht. Ein Grund mehr, unsere Nachbarländer nicht nur urlaubend zu bereisen, sondern auch diese kulturell hellwachen Völker genauer kennenzulernen.
Mitreißender
Abschluss
Warum also schafft es eine so große Stadt wie Rosenheim nicht, das Kultur- und Kongress-Zentrum für ein klassisches Orchesterkonzert gebührend zu füllen!? Auf dem Podium platziert war das riesengroße „Kroatische Radio-Symphonieorchester“, ein Aufgebot von überwiegend jungen Musikern. Was werden sie sich beim Blick ins Publikum gedacht haben? Am Schluss jedoch, als nach den wundervollen, mitreißenden „Tänzen aus Galánta“ von Zoltan Kodaly der Beifall tosend aufbrandete, sogar jugendliches Pfeifen der Begeisterung zu hören war, da sah man im Orchester nur noch fröhlich-entspannte, ja lachende Gesichter.
Egal, ob man Rachmaninoff mag, seine Orchesterfantasie „Der Fels“ ist jedenfalls ein genialischer Wurf des Zwanzigjährigen. Ob man der programmatischen Geschichte folgen will oder kann, spielt keine Rolle. Wir erleben ein in allen Farben schillerndes Tongemälde, wir bewundern, wie souverän der junge Komponist den gewaltigen Orchesterapparat im Griff hat.
Herzstück und umfangreichsten Werk des Abends war Sergej Prokofieffs dritte Klavierkonzert in C-Dur aus dem Jahr 1921. Was seinerzeit als „modern“ empfunden wurde, spielt heute keine Rolle mehr. Da Prokofieff ein hervorragender Pianist war, sind diese Konzerte für einen Virtuosen geschrieben. Diese Virtuosität gebärdet sich aber nicht in angestrengter Leidenschaftlichkeit, sondern vermittelt eher eine hingetupfte Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Der Hörer nimmt quasi teil an einer Spritztour im PS-starken Sportwagen und die Kulissen, Palmen, Zypressen, Riviera, mondäne Villen rauschen an uns vorbei. Beethoven hat bei Prokofieff nichts zu suchen, die „Tiefe liegt an der Oberfläche“. Und wenn die drei Sätze zu Ende sind, verabschiedet man sich amüsiert und freudig erregt vom Komponisten.
Eine kleine Irritation zu Beginn, als mit dem famosen Maestro Pascal Rophé der junge Solist Ivan Krpan die Bühne betrat: Der Jüngling auf dem Plakat mit üppiger Haarpracht glich in keiner Weise mehr dem aktuell erscheinenden Pianisten. Sein brillantes Spiel zeigte aber, es müsse doch der Richtige sein… Ivan Krpan stellte sich ganz auf den rasanten Schwung der Komposition ein, brachte stellenweise die Musik zum Brodeln, ja zum Kochen, er grundierte oder überschüttete das Orchester mit perlenden Klangkaskaden. Im innigen zweiten Satz (Thema mit sechs Variationen) blühten unverkennbar Prokofieff‘sche Melodien auf. Die Harmonik, wie Christoph Schlüren in seiner Einführung bemerkte, orientiert sich ganz an der Tradition, aber kleinste Abweichungen lassen sofort die persönliche Handschrift Prokofieffs erkennen. Ivan Krpan nahm die Ovationen mit bescheidenen Dankesgesten in Empfang und revanchierte sich mit einem fein ziselierten Prélude von Chopin.
Eine fulminante
Konzert-Ouvertüre
Der Kroate Kresimir Baranovic war nicht nur ein bedeutender Dirigent, sondern erfüllte lange Zeit auch wichtige administrative Aufgaben. Seine fulminante Konzert-Ouvertüre (1916) schrieb auch er wie Rachmaninow in jüngsten Jahren. Der Komponist huldigt einer im besten Sinn „naiven“ Folklore. Starke leuchtende Farben, eine Rhythmik die überwältigt und ein beneidenswerter Einfallsreichtum lassen einen Künstler erkennen, dem man gerne wieder begegnen möchte.
Pascal Rophé, ohne Stab dirigierend, hatte die Partitur im Kopf und das Orchester im Blick. Die Musiker blieben ihrem Chef keinen Impuls schuldig, der schnelle Wechsel der Instrumentengruppen waren genau getimte Kontraste. Und doch: Zum Höhepunkt des Abends wurden die „Tänze aus Galánta“. Feinnervig verwob Zoltan Kodaly die Anklänge an die Volksmusik in ein dichtes Gewebe. Alle „Effekte“ entwickelten sich organisch aus der Gesamtform. Das Orchester fühlte sich hörbar in seinem Element. Viel Seele und keine Sentimentalität!