Rosenheim – Eine Lesung mit Musik ist wohl ein praktikables Format: Seit der Komponist und Publizist Walther Prokop aus seinen autobiografischen Aufzeichnungen im Verbund mit Musik der Band 34u vorträgt, ist der Pfarrsaal von St. Hedwig jedesmal gefüllt. Zuletzt hieß das Motto „Alles Theater“. Dem Titel war schon zu vernehmen, dass Prokops Anliegen nicht auf tiefschürfende Selbstbespiegelung gerichtet war. Vielmehr versuchte der Autor Erlebnisse und Begebenheiten in farbig pointenreicher und humorvoller, auch selbstironischer Weise zu präsentieren.
So garnierte regelmäßig amüsiertes Gelächter den unterhaltsamen Abend. Einfühlsam und feinsinnig musizierten Jakob Kastner (Ziach), Benno Panhans (Gitarre) und Raphael Bauer (Kontrabass) ihre eigenen Versionen aus dem Bereich von Jazz, Volksmusik und Klassik. Prokop hat mehrere Leidenschaften: Neben Musik liebt er die Literatur, in welcher Form auch immer. Da schwärmt er von den Marionetten-Opern der Familie Elsässer in Neubeuern. Dort wurde höchster Kunstanspruch im Wohnzimmerformat realisiert. Und er räsonierte über Filme, wie Jean Cocteaus „Orphee“ oder den liebenswert kauzigen Jacques Tati in „Die Ferien des Monsieur Hulot“.
Eine sehr persönliche Hommage galt dem ehemaligen Kunsterzieher und bedeutenden Komponisten Hans Melchior Brugk: „Ich verehre ihn nach wie vor, obwohl oder auch weil er neun Jahre lang mein Lehrer war!“ Seiner Liebe zur Literatur frönend, skizzierte Prokop drei Romane von Annette Kolb („Die Schaukel“), Jane Austen („Stolz und Vorurteil“) und der unvergleichlichen Virginia Woolf („Die Fahrt zum Leuchtturm“). Melancholisch Letztere, skurril satirisch die Austen, aber enorm zeitkritisch die von Albert von Schirnding hoch gerühmte Annette Kolb. Ihre Worte über Bayern kurz vor dem Ersten Weltkrieg: „…ein Volk auf dem Höhepunkt seines Glückes – politische Ahnungslosigkeit ist seine kapitale Schuld.“
Das Programm gipfelte in einer fast schon valentinesken Burleske, einem absurden Wortwechsel und haarsträubenden Aneinander-Vorbeireden zwischen einem Fahrgast und einem Schaffner der Deutschen Bahn, der stur drauf besteht, am gewünschten Ziel, einem kleinen Ort in der Schweiz, gebe es keinen Bahnhof. Ende, Beifall und ein letztes Stück von „Three for you“.