Riedering – Über nichts wird in der Literatur so viel gesprochen wie über die Liebe – und den Tod. Letzteres nahm der bekannte Schauspieler Maximilian Brückner in den Blick bei einer musikalischen Lesung mit dem Titel „Memento mori“ im Alten Wirt.
Kurz zuckte man zusammen, als der Sprecher zur Begrüßung „Vui Spaß!“ wünschte – aber Brückner ordnete dies sofort richtig ein, als er bemerkte, dass das Denken an den Tod auch bedeute: „Genieße das Leben“! Lebensgenuss und Todesgedenken also waren die Hauptthemen des Abends. Es begann – nach dem Läuten einer Ministrantenklingel – symphonisch mit dem Anfangsthema von „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss und endete mit der Lebensfeierhymne, die fast die Hymne der Riederinger Musikanten ist, dem Lied „Lasset uns das Leben genießen“ – dessen letzte Strophe ja auch den Tod thematisiert.
Vom Boandlkramer
bis zur Grabrede
Brückner bot eine recht diverse Textmischung: Eine wissenschaftliche Abhandlung, die zum Beispiel quantenphysikalisch den Tod als „einen Entzug der Beobachtung“ definierte oder dem Tod ein „Imageproblem“ bescheinigte, den sachlichen, aber zugleich humanen Bericht eines Arztes vom Tod eines Menschen, Witziges („Treffen sich zwei Vampire…) und Heiteres, wie die Grabrede für einen schwierigen Menschen, und Irrsinniges wie die behördliche Behandlung des Todes mittels Formularen und Terminen oder – diesmal mit verschnupfter Stimme – das wehleidige Granteln des Boandlkramers, dass ihn keiner leiden mag.
Aber es gab auch Dramatisches: Zusammen mit einigen Musikanten las Brückner aus dem „Jedermann“ von Hofmannsthal die Szene, in der der Tod den Jedermann holen will, der sich aber Geleit ausbedingt. Dann eine Totentanz-Szene, in der der Tod die Kramerin holen will, an deren Starrsinn aber schier verzweifelt. Und natürlich die unsterbliche Szene vom „Münchner im Himmel“ von Ludwig Thoma, anfangs im Tonfall von Adolf Gondrell, dann aber hin zu den „Luja!“-Rufen immer mehr im Brückner-Tonfall. Überhaupt brillierte Brückner mit vielen verschiedenen Stimmen und Tonfällen und mit einer immer ganz klaren Diktion, nachdenklicher Intensität und eindringlichen Präsenz.
Die Riederinger Musikanten antworteten schön dramaturgisch verzahnt: Anfangs sangen ein weiblicher und ein männlicher Dreigsang ein Requiem, begleitet von der dumpfen Pauke, dann sangen alle dem Tod ein Geburtstagsstanderl – weil der vorher räsoniert hatte, dass er nie Geburtstag habe. Einmal vergrößerten sie den Choral „Näher, mein Gott zu dir“ zu einer Festmusik mit Paukendonner und Trompetengeschmettere, und einmal mischten sie Bachs d-Moll-Toccata mit dem Prosit der Gemütlichkeit. Und den Münchner im Himmel verabschiedeten sie natürlich mit dem Bayerischen Defiliermarsch. Maximilian Brückner sang mit, wo er konnte, der witzige Programmhöhepunkt aber war, als Brückner im Boandlkramer-Tonfall zu reduzierter Musikbegleitung „Every breath you take“ von Police sang: als musikalische Bestätigung von Brückners Feststellung: „Nimm das Leben nicht so ernst – du kommst sowieso nicht lebend raus!“
Die Zuhörer im vollbesetzten Saal wussten anfangs nicht, ob und wann sie klatschten durften, taten dies aber zunehmend häufiger und freudiger: Wie die Mexikaner (so erzählte es Brückner) am „Día de Muertos“ den Tod feiern, so feierten die Riederinger hier den Tod, vor allem aber das Leben.