Wasserburg – Nik Mayrs Bühnenadaption des Heinrich-Mann-Romans „Der Untertan“ sorgte für riesigen Schlussapplaus von einem begeisterten Publikum. Eine innovative Regie und ein brillantes Ensemble zeigten unterhaltsam den durchaus beunruhigenden Gegenwartsbezug der Romanvorlage von 1914.
„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.“ So beginnt Heinrich Manns hellsichtiges Sittengemälde der wilhelminischen Gesellschaft. Auch die Bühnenfassung erzählt – wie der Roman – die Geschichte von Diederich Heßling, einem opportunistischen und autoritätshörigen Bürger im Kaiserreich. Dieser passt sich stets den Mächtigen an und unterdrückt dabei die Schwächeren. Durch blindes Pflichtbewusstsein und übersteigerten Nationalismus gelingt Heßling der gesellschaftliche Aufstieg. Nach oben buckeln und nach unten treten ist seine Lebensmaxime, ein prinzipienloser Geist, unsicher und zugleich tyrannisch.
Verhasste
Demokratie
Selbstbestätigung findet Heßling in der schlagenden Verbindung „Neuteutonia“, in deren nationalistischen Idealen, und im Alkohol. Die seit dem Vormärz aufkeimenden Bestrebungen nach politischer Mitbestimmung sind ihm verhasst. Vor allem in der Sozialdemokratie sieht er die Wurzel allen Übels. Nach dem Tod des Vaters übernimmt Heßling, mittlerweile zum Doktor der Chemie promoviert, dessen Papierfabrik.
Die Ergebenheit zur Monarchie lässt ihn mehr und mehr zu einer Parodie von Kaiser Wilhelm II. werden. Er glüht für die radikalen Nationalisten, die gerade den Weg in den Ersten Weltkrieg vorbereiten. Wohin sein unerschütterlicher Obrigkeitsglaube führt, lässt sich erahnen – weshalb „Der Untertan“ auch als früher Vorbote des aufkommenden Faschismus betrachtet werden kann.
Nik Mayr wartete in seiner Inszenierung gleich mit acht Hauptakteuren auf. Andreas Hagl, Susan Hecker, Amelie Heiler, Hilmar Henjes, Carsten Klemm, Rosalie Schlagheck, Lea Luisa Schönhuber und Annett Segerer fanden sich gut zwei Stunden lang immer wieder überzeugend in die Rolle von Diederich Heßling ein.
Ebenso authentisch gelang der Rollenwechsel zu Heßlings Wegbegleitern wie „Der alte Buck“, dem „Regierungspräsident Otto von Wulckow“ oder auch zu seinen Liebschaften „Guste Daimchen“ und „Agnes Göppel“. Dank großartiger Darsteller in den ständig wechselnden Optiken nahm Heßlings Wandlung vom angsterfüllen, „weichen Kind“ zur ruchlosen, hyperegoistischen Persönlichkeit so richtig Fahrt auf. Und mit dem Eintritt in die Burschenschaft „Neuteutonia“ war Heßlings moralischer Werteverfall ohnehin nicht mehr zu bremsen. Insgesamt präsentierte sich Mayrs Bühnenadaption als moderne und hochaktuelle Theaterinszenierung. Songs der deutschen Hip-Hop-Gruppe „Antilopen Gang“ wie „Das Leben ist schön“ sorgten für eine progressive Überleitung zwischen den einzelnen Bildern.
Dank kluger Dramatisierung hielt der Spannungsbogen bis zum Ende. Meist befanden sich alle Akteure wie festgenagelt auf runden Podesten, die sich um ihre eigene Achse drehten, ohne dabei vom Fleck zu kommen. Bei Diederich Heßling, dem Egomanen, drehte sich also alles nur um sich selbst. Die satirische Schärfe der Romanvorlage wurde bewahrt und pointiert auf aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen übertragen. So entsteht ein Theaterabend, der unterhielt und auch zum reflektierten Nachdenken über Autorität, Anpassung und gesellschaftliche Verantwortung anregte. Denn politische Unterwürfigkeit und Machtstreben gehören gerade heute zu den Themen unserer Zeit.