Ein ganzes Leben für einen Vers

von Redaktion

Alois Prinz liest in Rosenheimer Stadtbibliothek aus seiner neuen Rilke-Biografie

Rosenheim – Kaum zu glauben, dass es jemandem gelingt, im Rilke-Jahr 2026 noch neue Blicke auf Rilke zu werfen. Und kaum zu glauben, dass jemandem dabei 262 Seiten genügen, statt wie Ralph Freedman 1000 Seiten, Gunnar Decker 600 Seiten und wie jüngst Sandra Richter 477 Seiten. Dem Rosenheimer Literaturpreisträger Alois Prinz gelingt’s: „Wohin gehöre ich?“ heißt seine Biografie von Rainer Maria Rilke, die gerade erst im Insel-Verlag erschienen ist. Die stellte er in der Rosenheimer Stadtbibliothek vor, zusammen mit dem Wasserburger Schauspieler Hilmar Henjes.

Ein biografischer
Kunstgriff

Prinz‘ biografischer Kunstgriff: Er nimmt die fünf Jahre, die Rilke von 1914 bis 1919 in München verbracht hat, und beleuchtet mit Rückblicken Rilkes Unbehaustheit, seine Bindungsunfähigkeit, sein Verstummen im Krieg und seinen poetischen Durchbruch mit der Vollendung der „Duineser Elegien“. Dabei will Prinz Rilke erklären und nicht kritisieren – aber doch verteidigen: Rilke sei kein unpolitischer Traumtänzer gewesen, sondern habe durchaus politisch gedacht und in der Münchner Revolution von 1918/19 eine Rolle gespielt. So las Prinz eine Stelle aus seinem Buch, als Rilke an einer revolutionären Versammlung teilnahm.

An den Anfang stellte Prinz ein Zitat aus Rilkes einzigem Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, nach dem man ein ganzes Leben gelebt haben müsse, um einen Vers zustande zu bringen: „Um eines Verses willen muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen, man muss fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen…Man muss Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der anderen glich…“ Dann erzählte Prinz von Rilkes „Auftrag“, alles, das Leben und die Erde, in Lyrik zu verwandeln, von seiner immerwährenden Suche nach der Weite, sprach von Rilkes Beziehung, bzw. Nicht-Beziehung zum Geld, von seiner „Entschlossenheit nicht am Besitz“, und von Rilkes Beziehungen zu vielen Frauen, von seiner Suche nach Einsamkeit und doch auch Hingezogensein zu vielen Menschen. Er las auch, wie Rilke mit drei Frauen im Mai 1915 einen Ausflug von München nach Frauenchiemsee machte.

Da es für Alois Prinz die erste Lesung aus diesem neuen Buch war, war seine Diktion etwas übereifrig-hastig. Die Ruhe brachte dafür Hilmar Henjes, der mit baritonwarmer und geschulter Stimme die Gedichte las: langsam, bedeutungsreich und deutlich. Er hatte auch das letzte Wort mit einem Gedicht, das Alois Prinz in seinem Buch zitiert, ein Einschlafgedicht: „Ich möchte jemanden einsingen, / bei jemandem sitzen und sein. / Ich möchte dich wiegen und kleinsingen / und begleiten schlafaus und schlafein…“

Alois Prinz: „Wohin gehöre ich?“ Biografie Rainer Maria Rilke, Insel-Taschenbuch 5144, ISBN 978-3-458-68444-3, 20 Euro.