Grassau – Stefan Schilli, Solo-Oboist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, und Pianistin Livia Hollo, Pianistin, Liedbegleiterin und Korrepetitorin am Mozarteum Salzburg, waren zu Gast in der Villa Sawallisch. Kammermusik vom Feinsten also. Denn Schillis Ton war von einem extrem weichen Ansatz und einer wunderbar runden Klanggestaltung geprägt. Die höheren Register gestaltete er mit großer Brillanz und samtigem Ausdruck, die tieferen Lagen erfüllte er mit warmem und klanglich sattem Ansatz. Mit Livia Hollo hatte er eine ideale Klavierbegleiterin. Sie griff seine sanft geführten Phrasierungen kongenial auf und ersetzte mühelos ein ganzes Orchester bei den ff-Stellen mit viel Pedal und Energie. Den Auftakt machten „Temporal Variations“ von Benjamin Britten (1913- 1976): Technisch brillant ausgedeutet boten die beiden das Thema und die acht folgenden Variationen, spielten souverän mit den Gattungen und Stilen, sei es der „March“ (Marsch) mit seinen gleichmäßigen metrischen Akzenten, die zart-andächtig gestaltete „Oration“ (Anbetung) oder der wiegende „Waltz“ (Walzer). Richard Strauss‘ Konzert für Oboe und Orchester in D-Dur, AV 144, hier für Oboe und Klavier, war nicht minder kammermusikalische Anmut, auch wenn es der Komponist einst als Handgelenksübung bezeichnete. Ein dankbares, aber auch forderndes Werk für den Oboeisten, da der gleich zu Anfang ohne Luftholen gefühlt unendlich viele, viele Takte lang „singt.“ Vom schlichten, ergreifenden Zusammenspiel hin zu einer klanglich vollendeten, großartig ausgespielten Kadenz, von unglaublicher Weiche zur flinken Fülle, klar gefasst jeder Ton und doch schmelzend, der Oboenklang nahm für sich ein. Ebenso wie das Klavier, das mühelos ein ganzes Orchester ersetzte. Der Oboe beziehungsweise dem Schweizer Oboeisten Heinz Holliger gewidmet ist die Sequenza VII von Luciano Berio (1925-2003). Um das eingestrichene h als Zentralton ranken sich teils bewegte, teils ruhende Arabesken der Oboe, mal ruhig, mal bewegt, mal gehaucht, mal rein und klar erklingend, und das über alle zwölf chromatischen Töne. Es ist eine einstimmige Polyphonie unterschiedlichster musikalischer Charaktere. Dazu erklang von außen ein steter Unterton, ein Stimmgerät, das den h als Liegeton wiedergab: „Nein, es ist kein Tinnitus,“ beschwichtige Schilli. Das sei vom Komponisten so gewollt, „das h muss sich wie ein schwaches Echo der Solo-Oboe anhören“, heiße es in der Partitur. Gegen Ende des Stücks eine Reminiszenz an die Hirtenmelodie, die das Englischhorn in Richard Wagners Tristan und Isolde anstimmt.
Wunderbar. Mit viel Farben, Tempi und Stimmungen entführte das Duo dann in die Welt der Romantik, Francis Poulenc‘ (1899-1963) Sonate für Oboe und Klavier erklang. Kraftvoller Elan hier, melancholische Reflexion dort, besonders der Kontrast zwischen „Scherzo“ und „Déploration“ (Bedauern) zeugte von vollkommener Einfühlung in diese Musik. Mit Antal Dorátis (1906-1988) Duo Concertante für Oboe und Klavier neigte sich das Konzert dem Ende entgegen. Das klingende Geben und Nehmen, das Dorati hier einkomponierte, ließen die beiden Instrumentalisten wunderbar aufblühen. Eine kontemplativ, sinnliche, an europäischen Folkloretraditionen und orientalische Musik gemahnende Oboenmelodie bereicherte das Klavier markant mit Akkorden, mit Arpeggien. Ein intensiver Dialog, den die beiden mal lebhaft, mal kapriziös, mal verspielt, mal tänzerisch und dann weder vorsichtig reflektierend oder spritzig ausgelassen führten. Wie lässt man so einen Abend voller pulsierender Energie und atmosphärischen Klangwelten ausklingen? Mit einer Zugabe Robert Schumanns (1810-1856) „Abendlied.“ Da brauchte es keine Worte, die ruhigen, in sich gekehrten Klänge waren beglückend erfüllend und klangen noch lange nach Konzertende nach. elk