Rosenheim – Glanzvoller hätte die diesjährige Meisterkonzertsaison im Kuko nicht enden können: Der in Rosenheim aufgewachsene Pianist Herbert Schuch kehrte wieder heim und brillierte mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 3. Er freute sich sichtlich, wieder einmal in seiner Heimatstadt zu sein, begrüßte seinen ehemaligen Klavierlehrer Kurt Hantsch und gab dann als Zugabe das zum Besten, was er schon vor 30 Jahren und seitdem immer wieder spielt: „La Campanella“ von Franz Liszt.
Er zündete dabei ein wahres Feuerwerk von virtuosen Effekten, ließ glitzernde Klangfontänen aufsteigen, Glöckchen klingeln und rauschende Läufe explodieren. Davor spielte Schuch dasselbe Konzert, mit dem er vor 30 Jahren an derselben Stelle debütiert hatte. Aber was heißt da „spielte“? Schuch er- und durchlebte dieses Konzert, das die Zuhörer wohl schon oft gehört haben, als entdeckte er es ganz neu, spielte es, als sei es gerade neugeboren.
Alles klingt herrlich frei, fast rhapsodisch erzählend, frisch und strahlend und mit leuchtenden Klangfarben aus dem Flügel. Schuch durchraste sehr energisch die Anfangsläufe, um dann sofort das Lyrische zu betonen: Kontrastreichtum war die Devise. Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn machte freudig mit, der Dirigent Risto Joost schaute ständig zum Pianisten, um das Klavier und Orchester immer gut zu verzahnen. In der Tat ergab sich vor der Reprise des Kopfsatzes ein hochspannender Dialog zwischen der zart-verhaltenen Pauke und dem Klavier.
Die Pause zwischen erstem und zweitem Satz hielten Pianist und Dirigent extra bannend stark und lang – vielleicht auch, um einen eventuellen Zwischenapplaus zu verhindern. Auf jeden Fall war es mucksmäuschenstill im Saal. Traumhaftes Pianissimo und leuchtende Zartheit herrschten im helllichten E-Dur des zweiten Satzes, warm und zart, aber nie verzärtelnd und überhaupt zauberhaft war das Spiel von Schuch.
Fröhlich-kauzig und vor Freude übersprudelnd kam das Finale, Schuch phrasierte das Thema immer wieder neu, verzögerte oder beschleunigte wie instinktiv und „servierte“ die immer neuen Variationen des Themas und auch die vielen rhythmischen Widerborstigkeiten: Ein frisches, hochlebendiges, aber auch tiefinniges Beethovenspiel, das das Publikum im fast ausverkauften Saal aufjauchzen ließ. Der estnische Dirigent Risto Joost hatte auch estnische Musik mitgebracht. Eigentlich sollten es zwei Stücke von Erkki-Sven Tüür (geb. 1959) sein, „Passion“ und „Illusion“. Doch ohne Erklärung kam nur „Illusion“ zur Aufführung. „Ein von minimalistischen Patterns geprägtes reines Spiel von Rhythmus und Bewegung auf prägnanter motivischer Grundlage, in welchem das Melodische und Harmonische eine wohlkalkulierte Nebenrolle spielen“, hieß es zutreffend im Programmheft.
Eine Steilvorlage für das hochenergetische Spiel des Orchesters, das dieses fetzig-wilde Stück im Dauer-Forte mit nie nachlassender Hingabe spielte. Mit derselben hochanimierten Hingabe widmete sich das Orchester Beethovens „Eroica“. Risto Joost begann diese Symphonie ohne schweres Pathos, also gerade nicht heroisch, sondern straff und immer pulsierend, schlug ganztaktik und produzierte so einen immer vorwärtsdringenden, manchmal schwellenden, manchmal schwelgerischen Impuls.
Mit explosiver Urgewalt kamen die Tutti-Schläge auf der „falschen“ Taktzahl, manchmal wie Peitschenhiebe, manchmal wie Kanonenschläge: Kein Wunder, dass diese Symphonie die Premieren-Zuhörer verstörte. Auch den launigen Humor Beethovens hörte man, wenn der Hornist bei der Reprise zuerst vorschriftsmäßig verfrüht, also „falsch“ einsetzte, um dann aber den „richtigen“ Einsatz triumphierend vorzuführen.
Dieselben Hörner (Beethoven setzt hier drei Hörner ein, was ungewöhnlich war) drehten im zweiten Satz, dem „Marcia funebre“, drohend auf, als wollten sie wie Posaunen die Mauern von Jericho einstürzen lassen, und bliesen im Finale ein freudiges Halali. Die famosen Holzbläser verliehen allem ein vielfältiges Farbenspiel, hellten so die gespenstisch-fahIe Trauermarsch-Atmosphäre des zweiten Satzes auf, in dem die Pauke so leis drohend pocht, und spielten im Finale vergnügt mit beim Themensuchspiel. Mitreißend war die immer gespannte Energie aller Musiker, die immer auf der Stuhlkante sitzend agierten, der Konzertmeister gar spielte sich schier die Seele aus dem Leib. Insgesamt ein Beethoven, wie er sein muss: herrisch aufbrausend, oft mürrisch, dann wieder wehmütig melodisch, dazwischen Fugengelehrsamkeit, Tanzfreude und furios jubelnde Schlüsse – nie bloß wohlig „schön“, aber immer aufregend. Großer Jubel, keine weitere Zugabe.