Rosenheim – Für die nächsten sechs Wochen lädt der Kunstverein Rosenheim zu der gerade eröffneten „Kunst aktuell 2026“ als große Jahresausstellung in der Städtischen Galerie. Die Ausstellung ist „juriert“: Aus den 180 Bewerbungen nicht nur aus der Region, sondern aus ganz Deutschland hat die Jury letztlich 78 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die mit 127 Arbeiten in den Räumen vertreten sind. Ein sehr aufwendiger und ehrenamtlicher Auswahlprozess, der auch gleich die Konzeption und Anordnung der Gesamtausstellung umfasst. Die Jury bildeten dieses Mal Martl Fritzsche, Josef Hamberger, Gerhard Prokop, Melanie Siegel und Hannes Stellner.
Führende
Sammelausstellung
Zur Eröffnung tummelten sich zahlreiche Gäste, die einführenden Worte seitens der Stadt Rosenheim sprach die Dritte Bürgermeisterin Gabriele Leicht. Die „Kunst aktuell“ sei eine der führenden Sammelausstellungen in Bayern, so Leicht. Sie betonte die Anziehungskraft des Kunstvereins und den „steten Zustrom an kreativer Energie“, den der Mix aus etablierten Künstlerinnen und Künstlern bilde. Ausdrücklich bedankte sie sich bei der vorigen Vorsitzenden des Kunstvereins Dr. Olena Balun für deren Erläuterungen zu bisherigen Veranstaltungen. Bernhard Paul als aktueller Vorsitzender ging nach verschiedenen Danksagungen auf die Auswahl und die Kriterien der Teilnahme ein. Punkte wie Poesie, Intellektualität, Schönheit, Form, Farbe und künstlerische Leidenschaft flössen in die Arbeit der Jury ein, um letztlich dem Publikum eine „emotionale Bilderreise“ zu ermöglichen.
Chistian Heß, Zweiter Vorsitzender des Kunstvereins und aktueller Kulturpreisträger des Landkreises, übernahm die Laudatio für die Vergabe des Kunstpreises: Gekürt mit einem Betrag von 2.000 Euro und großem Beifall wurde der Bildhauer und Zeichner Peter Pohl, noch dazu direkt unter einem eigenen Werk. Er lebe kompromisslos ein Leben für die Kunst, so Laudator Heß. Beim Rundgang durch die „Kunst aktuell“ erlebt man eine große Bandbreite des künstlerischen Schaffens und kann sich vom hohen Niveau regionaler Künstlerinnen und Künstler überzeugen lassen, ergänzt um Exponate aus überregionalen Einsendungen. Im Katalog heißt es in Abgrenzung zur „künstlichen Intelligenz“: „Die Begegnung mit realen, physischen Kunstwerken wird wichtiger denn je. (…) Emotionen, facettenreiche, menschliche Kreativität, Persönlichkeit und der Mensch als Individuum sind es doch, die Kunst und Kultur ausmachen.“ Im großen Eingangsraum steht die belebte Natur im Mittelpunkt. Ein großer schwarzer Käfer von Preisträger Peter Pohl hängt dominant an der Querwand (Tenebrionidae, Stoff und PU-Schaum), auf ihn hinzudeuten scheint die Gestik einer aus einem Materialmix (u.a. Fahrradschläuche und Klobürsten) erstellten Hexengestalt von Josef Hamberger. Ein Nagetier von Sebastian Tröger (stellt noch in der Kunstmühle „unruhige Tiere“ aus) flankiert die Szene, während Wasserfotografien von Martin Weiand und „rotes Gras“ von Mela Ilse ebenfalls Natur einfangen. Textliche Elemente enthalten die Werke von Leonie Felle und Max Erbacher, Maria Rucker steuerte mit der Plastik „Strange Fruit“ aus Basalt des teuerste Werk der Ausstellung bei. Die „Kunst aktuell“ ist auch eine Verkaufsausstellung, den Rundgang kann man mit einer Preisliste unternehmen.
Im nächsten Raum herrscht Abstraktes vor, jedoch nicht nur. In der „Manege“ von Felix Weinhold wird es bedrohlich, in seinem Gemälde fletscht ein Kampfhund die Zähne. In Raum drei sind gleich mehrere bekannte Kunstschaffende aus Rosenheim vertreten. Gerhard Prokop hat nach dem „exotischen“ Gefängnis in Palermo für diese Ausstellung ein regional bekanntes Motiv ausgewählt. Sein Großformat „Blaue Stunde“ (Öl auf Leinwand, 80 mal 180) zeigt den Gleisbereich des Rosenheimer Bahnhof bei speziellen Lichtverhältnissen mit vielen Details – typisch „hyperrealistisch“ wirkt die Hochries wie optisch herangezoomt. Fritzsche hat sich Elon Musk satirisch vorgenommen, Regina Marmaglio zeigt kunstvolle Holzskulpturen und Christian Heß widmete sich gedanklich hintergründig einem „Goldfischstäbchenhaufen“. Raum vier präsentiert Geometrisch-Abstraktes, knallig und farblich abgestuft wirken die Säulen von Christian Schied mit dem Titel „Salut“ im Kontrast zum filigranen Werk von Claudia Weber (She still thinks, this is a dream). Verblüffendes in Raum fünf: Zwei gegenüber gehängte Spiegel entführen beim Betrachten optisch in die Unendlichkeit.
Nicht ganz neu, aber angesichts des ja auf „Endlichkeit“ anspielenden Künstlernamens Rudolf Finisterre doch bemerkenswert – Umberto Eco lässt grüßen. Im großen Raum zur Gartenseite findet man nicht nur eine außergewöhnliche Plastik von Nikodemus Löffl vor, der aus dem Holz einer Mooreiche ein Floß kreiert hat, sondern auch Gemälde von Bernhard Paul und Rudi Wolfbeisser. Klein, aber fein und poetisch wirken Sheila Furlans „Colour Cubes“, die aus Stoff bestehen. In Raum sieben steht eine weitere interessante Skulptur – das „Triptychon“ von Hannes Stellner, welches drei aus Betonguss gefertigte Köpfe darstellt. Ein Video von Shaarbek Amankal zeigt eine offensichtlich mongolische Band bei einer Probe mitten in weiter Landschaft. Elisabeth Mehrl hat den Lichterzauber von Perlen unter dem Titel „Verführung“ eingefangen, mit brillanter Genauigkeit und Blick fürs Detail (Acryl auf Leinwand, 160 mal 120). So noch nicht gesehen wurde „Das große Fressen“ im letzten Raum: Fabian Vogl hat ein Packerl Knabberzeug kunstvoll in einem Schaukasten drapiert, das Ergebnis wirkt irgendwie paläontologisch-knochenhaft, eine witzige Idee. Ganz zum Schluss noch ein Farbtupfer: Joseg Köstlbacher hat „Strange Weather“ mit enorm knalligen Farben dargestellt, ein detailreicher Hingucker mit „Wimmelbild“-Charakter. Selbstverständlich kann dieser Bericht nur eine kleine individuelle Auswahl beschreiben in Form einer Anregung oder Inspiration, als Gast wird man in der „Kunst aktuell“ beim persönlichen Rundgang jedenfalls sehr viele ansprechende oder inspirierende Exponate vorfinden. Andreas Friedrich