Grassau – Das Saxofon hatte schon oft seine Auftritte in der Villa Sawallisch, der Gewohnheit nach als Jazzinstrument, anders kennt man es kaum. Doch Saxofon und klassische Kammermusik, wie passt das zusammen? Anders gefragt: Wie mag das wohl klingen? Zumal als Begleitung für Sopran und Alt ein Piano angekündigt war, fast wie bei einem Liederabend. Gemeint waren dabei freilich die Stimmlagen der beiden Saxofone, die an diesem Abend den Ton angaben. Das Trio Étoiles wusste um das neugierige Publikum der Villa Sawallisch und bot mit seinem Programm „Reimagined“ – übersetzen wir das einfach mit „neu gedacht“ – etwas für viele im Konzertsaal neu gehörtes.
Der Auftritt des Trios: Sarah Lilian Kober und ihr schlankes Sopransaxofon, Vanja Sedlak mit seinem Altsaxofon und am Flügel nahm Vadym Palli Platz. Die zwei Bläser stiegen ohne Zögern ein in das reizvolle musikalische Frage- und Antwortspiel, das im Programmzettel als „Duo concertant“ angekündigt wurde, komponiert von Jean Baptiste Singelée (1812 bis 1875).
So klingt das also! Beschwingt und heiter wie ein Gesangsduett, einfühlsam geführt vom Pianisten, wie man es als Kammermusik aus dem Opernumfeld dieser Epoche schon einmal gehört hat. Und heute eben „gesungen“ von diesen zwei wunderbar harmonierenden Saxofon-Stimmen. Genau dieser Einstieg tat der Stimmung im Konzertsaal gut und machte neugierig auf das, was der Abend noch zu bieten hat.
Zunächst aber gab die „Sopranistin“ eine lockere Einführung in die Geschichte des Saxofons, erfunden 1840 vom Belgier Adolphe Sax, für den sein Freund Singelée viele passende Stücke komponierte. Sax suchte nach einem Instrument, das klanglich zwischen Oboe und Klarinette mehr Wärme bieten kann und zugleich vielseitig einsetzbar ist. Dass es zu den Holzblasinstrumenten gehört, erstaunt dann aber doch. Grund dafür ist das hölzerne Rohrblatt, wie es für die Tonerzeugung auch bei der Klarinette verwendet wird.
Das Sawallisch-Publikum freute sich wie immer über Hintergrundgeschichten, an diesem Abend war es aber besonders gespannt auf das Programm. Nach Singelée ging es weiter mit den romantischen „Chemins de l’amour“ von Francis Poulence (1899 bis 1963), danach kam mit Max Bruch und seiner Rumänischen Melodie eine elegische Balkanstimmung auf und vor der Pause hörte das gebannte Publikum fünf Stücke von Schostakowitsch: Prélude, Gavotte, Élégie. Waltz und Polka.
Deutlich wurde bei allen Unterschieden der Kompositionen: Diese Saxofon-Duo-Besetzung, egal ob bei Bearbeitungen oder einem Original, war jedes Mal absolut überzeugend. Nach der Pause wurde das Programm etwas zeitgemäßer, beim ersten Stück von Guillermo Lago mit dem Titel „Sarajevo“ sogar richtig gegenwärtig. Vanja Sela, im serbischen Subotika geboren und musikalisch auch in Montenegro und Slowenien ausgebildet, erbat sich für seine Version dieser musikalischen Klage eine verdunkelte Bühne. Langes Schweigen nach dem letzten Ton, bis mit dem bedrückten Applaus auch das Licht wieder da war. Astor Piazzollas Klassiker „Oblivion“ sorgte für den nachdenklichen Übergang bis dann mit dem „Csárdás“ von Vittorio Monti auch die Stimmung wieder heller wurde.
Von Philippe Geiss, Saxofonist und Professor am Straßburger Konservatorium, lieferte das Trio mit „South Wind Tango“ einen modernen Klassiker ab, danach war noch einmal Astor Piazzolla mit einer Impression über den argentinischen Winter zu hören und die „Porgy and Bess Fantasy“ nach George Gershwin zeigte, dass das Trio auch großartige Eigen-Arrangements zu bieten hatte. Es war wieder eines dieser musikalisch überraschenden Konzerte, mit dem die Villa Sawallisch jenseits des Klassik-Mainstreams mit Erfolg beeindruckt. Der Schlussapplaus nach den zwei Zugaben war zu Recht ehrlich begeistert.
Klaus Bovers