Grassau – Unter Musikfreunden mit einem großzügigen Blick auf die Welt der Klänge hat es sich längst herumgesprochen: Die Popmusik-Ära ab der 1960er-Jahre war so nachhaltig kreativ, dass ihre Songs und Melodien bis heute und wohl auch noch darüber hinaus Musiker und Fans begeistern. Die Wolfgang-Sawallisch-Stiftung hat als Konzertveranstalter diesen freien Blick auf eine Qualität jenseits von E- und U-Musik, Programmvielfalt wird von ihr kultiviert und das Publikum honoriert das mit steigenden Besucherzahlen. Das zeigte sich beim ersten Auftritt der Gruppe „Songs & Stories live“, als diese vor einem Jahr den großen Konzertsaal der Villa Sawallisch an seine Grenzen brachte.
Darum buchte man diesmal den Grassauer Hefter-Kultursaal und die Kalkulation ging auf. Rund 200 Popmusik-Fans waren gekommen, und das in einer erstaunlichen Publikums-Mischung von Teenagern bis zu Senioren. Sie alle wollten Manni Müller (Schlagzeug, Gesang), Stephan Weiser (Piano) und Yvo Fischer (Bass) und ihr neues Programm hören. Die drei Künstler kommen eigentlich aus dem Jazz, hatten aber nie Scheu vor der musikalischen Substanz der großen Pop-Klassiker, den Welthits der echten Stars. Immer wenn sie diese Stücke auf ihre Art interpretierten, merkte Manni Müller, dass ihr Publikum von seinen Ansagen nicht genug bekommen konnte. Weil er sich bei den Pop-Klassikern auskannte wie kaum einer, wurde er mit der Zeit zum Geschichtenerzähler, der sein Detailwissen witzig zu präsentieren verstand. Das ließe sich doch gut ins Musikprogramm einbauen dachten sich die drei und so entstand quasi auf der Bühne die Idee von „Songs & Stories live“, dessen Erfolg derzeit wohl erst am Anfang steht.
Zu den Top-Jazztrios zählen die drei Musiker außerdem, das ist nicht zu überhören, genau so wenig wie ihr Spaß an den unzähligen Pop-Songs mit Ohrwurmqualität. Manni Müllers Stories sind unschlagbar, aber vor allem peppt das Trio die musikalischen Schätze der Pop-Ära für sein Publikum mit neuem Leben auf und bewahrt sich somit – sicher ist sicher – vor dem Vergessen.
Und so geht es an dem Abend gleich los mit „Another Day in Paradise“ von Phil Collins, mit ein paar verblüffenden Details zur Entstehungsgeschichte 1989 und mit der Demonstration von Mannis Super-Tenorstimme. Dann die Story über den Police-Welthit „Every Breath You Take“, der nicht, wie manche meinen, als das größte Liebeslied aller Zeiten, sondern als eine gemeine Stalker-Hymne gedacht war, wo es heißt „I’ll be watching you“. Dazwischen ein Strauß von Anekdoten über das verquirlte Liebesleben der Beatles und warum George Harrison „Isn’t it a Pity“ aufgenommen hat (gespielt wird der Song später, ja man muss konzentriert bleiben!), wobei die Liverpooler an dem Abend immer mal wieder drankommen. Zum Beispiel mit der verrückten Geschichte des Songs „Layla“, den Eric Clapton für Pattie Boyd, die Frau seines Freundes George Harrison schrieb, die er dann später… endlos verwickelte Story das.
Nach der Pause bittet Manni Müller Tina Turner mit all ihren dramatischen Love-Stories auf die Bühne. Für die „Königin des Soul-Wiedererfindens“, wie er sie nennt, singt er „What’s Love“ und seine Stimme trägt’s. Die dunkle Seite des amerikanischen Traums kommt mit „Hotel California“ von den Eagles in den Blick, kritischer Hintergrund auch beim Sting-Klassiker vom „Englishman In New York“, der sich wie ein Alien fühlt. Wie kompliziert Liebe sein kann, hat Cindy Lauper mit ihrem Welthit „Time after Time“ klar gemacht und Ben E. Kings unsterbliche Beschwörung „Stand By Me“ von 1962 (später auch mal von John Lennon gecovert) sagt uns eines: Allein geht gar nichts. Ein Abend mit großer Musik und guten Geschichten, von denen hier nicht alle zu Wort kommen können.
„Songs & Stories live“ bietet für nur einen Konzertbesuch einfach zu viel. Nächster Halt nach der Sommerpause: am 18. September in Altötting beim Fest der Sinne. Klaus Bovers