Prien – Matthias Linke hat dem Publikum im gut gefüllten König-Ludwig-Saal ein großes programmatisches Vergnügen bereitet, seinem Chiemgau-Orchester aber Außerordentliches abverlangt. Ganz außerhalb der üblichen Bach-Beethoven-Brahms-Reihe standen reizvolle und farbenfrohe Werke auf dem Programm: ein frisches Jugendwerk, das Hornkonzert in Es-Dur von Richard Strauss, jazzdurchsetzter Großstadtsound mit „An American in Paris“ von George Gershwin und ein großes Flussgemälde mit „The Mississippi River Suite“ von Florence Price.
Auftakt mit
Florence Price
Eigentlich hätte das Konzert mit dem Gershwin-Stück beginnen sollen, aber die originalen Pariser Taxi-Hupen waren noch nicht angelangt. Also begann’s mit der Mississippi-Suite. Florence Price (1887 bis 1953) war eine der ersten amerikanischen Komponistinnen, die es aber nicht leicht hatte, weil sie auch noch afro-amerikanischen Ursprungs war. Zu Lebzeiten wurden zwar Werke von ihr aufgeführt, aber dann vergessen, bis 2009 in einem verlassenen Haus in Chicago ihre mehr als 300 Partituren entdeckt wurden. Seitdem werden ihre Werke immer öfter aufgeführt.
Von Dvorak
inspiriert
Die „Mississippi River Suite“ ist ein groß angelegtes Tonpanorama, deutlich von der Musik von Antonin Dvorak inspiriert, angereichert mit vogelzwitschernden Piccoloflöten, elegisch klagenden Holzbläsern, majestätischen Blechbläserpassagen, leisen Indianertrommeln, rauschendem Orchestergewoge, Gospelmelodien und Tanzreigen: ein farbenfrohes Musik-Mosaik. Matthias Linke, der umsichtig, schlagsicher und hilfreich dirigierte, ließ alles exakt rauschen und ermöglichte es mit diesem Stück, dass sich alle Instrumentengruppen wirkmächtig präsentieren konnten, auch die rhythmisch sehr genaue Schlagwerktruppe.
Dann trat Nikolaus Dengg auf, der normalerweise die Horngruppe im Chiemgau- Orchester anführt. Nun aber glänzte er als Solist, indem er die hochvirtuosen Schwierigkeiten des Horn-Konzertes scheinbar mühelos bewältigte, mit triumphierenden Signaltönen, mit langem Atem, strahlend-raumfüllendem Ton und der Kunst des Singens mit dem Horn in den weitgespannten Melodien. Strauss schöpft hier den gesamten Ton-Umfang des Hornes aus. Es war ein Vergnügen, Dengg zuzusehen und zuzuhören, wie er beim Spiel jeden Ton einzeln formte. Zusammen mit dem Orchester produzierte er zwischendurch typische romantische Karl-Maria-von-Weber-Atmosphäre. Für den herzlichen Applaus bedankte er sich mit einem „Tiroler Jagdruf“, komponiert von seinem Hornprofessor Hansjörg Angerer.
Endlich waren die Pariser Taxi-Hupen da, und der „Amerikaner in Paris“ konnte durch die französische Metropole schlendern. Dieses Werk fordert volle Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit aller Musiker, um die Atmosphäre der Rush Hour auf den Champs Elysees mit Motordröhnen und quäkenden Hupen wiederzugeben und um das zu beachten, was Alex Ross in „The Rest is Noise“ schreibt: „Die Melodien entwickeln sich quasi kaleidoskopisch, mit- und übereinander, sie werden in hinterhältig dissonanten, polytonalen Kombinationen aufeinandergeschichtet.“ Linke wählte anfangs ein gemütliches Schlendertempo, realisierte dann aber die vielen Tempowechsel und das wohlgeordnete Großstadtgetöse. Die Streicher gaben ihr Bestes, auch mal mit vom Komponisten verlangten harschen Tönen, die Holzbläserbrigade brillierte, die Taxi-Hupen tröteten vergnügt dissonant dazwischen und die plötzlich auftauchenden Jazz-Rhythmen des sich nach der Heimat sehnenden Amerikaners ließen die Zuhörerbeine zucken. Den aufbrandenden und mit Bravo-Rufen durchmischten Applaus beantwortete das Chiemgau-Orchester mit dem Walzer Nr. 2 von Dmitri Schostakowitsch, in rauschender Fülle gespielt.