Jazz-Standards kreativ verwandelt

von Redaktion

Joerg Widmoser spielt bekannte Originalnummern und schafft Neues

Grassau – Einfach ohne Ansage ins Konzert einsteigen? Lieber nicht, das Publikum könnte denken: „Gehört habe ich das noch nie, doch irgendwie kenne ich es trotzdem.“ Also stellte Joerg Widmoser zur Begrüßung in der Villa Sawallisch gleich klar, warum sein Jazzquartett „Like Standards“ heißt.

Im Jazz, so erklärt er gut gelaunt, sind die Standards jene rund 400 (!) Stücke, die jeder Jazzer (angeblich) kennt und quasi auf Abruf sofort spielen kann. Substanz genug für den renommierten Geiger, Pianisten und Komponisten, um sein Konzertprogramm aus den besten Jazz-Standards oder den bekanntesten eigenen Nummern zu destillieren, Kompositionen, die sich an Vorbilder anlehnen, eigene Stücke „like Standards“ eben.

Und dann legten sie los, die vier von „Like Standards“: Joerg Widmoser und seine Violine, Andreas Gundlach am Piano, Bernhard Seidel mit dem Bass und am Schlagzeug Sohn Leander Widmoser. Einen „father son dialogue“ kündigt der Programmzettel an, doch musikalisch im Dialog waren eigentlich alle vier im Quartett, wie könnte sonst ein so heiterer, beschwingter Jazz-Abend entstehen. Und ein spannender noch dazu, weil sich die Insider herausgefordert fühlten, die Quellen der Inspiration herauszufinden.

„My Favorite Tune“ heißt Widmosers erste Eigenkomposition und noch vor dem letzten Ton meinte der Sitznachbar mit Kennermiene: „Wenn da nicht John Coltrane….“ Der Rest seiner Expertise ging im Applaus unter.

Vor einem Jahr war Joerg Widmoser mit seinem „Modern String Quartet“ schon einmal auf derselben Bühne, mit Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. Ein völlig anderes Programm, doch mit derselben Virtuosität und ähnlich lässigen Führung präsentiert. Es gibt wohl nur wenige Geiger, die ihrem Instrument so viele Facetten entlocken.

Beim zweiten eigenen Stück des Abends stellte er gleich vorher klar, dass Sony Rollins für „Air an Gin“ Pate gestanden hat, seine nächste Komposition hieß „Downtown Train“ und klang ein wenig funkig, ein schönes Bass-Solo inklusive, und schließlich wurde mit der Blues-Ballade „Don’t Worry“ das Tempo des Abends etwas bedächtiger. Dass die Violine auch gefühlvolle blue Notes singen kann, führte Widmoser noch einmal vor mit dem „Blues for P.W.“, komponiert für einen Freund, wie er sagte, mit Gelegenheiten für den Pianisten zu zeigen, dass Blues auch durchaus mit mehr Tempo geht.

Nach der Pause folgten weitere schöne langsame Nummern, wie „The Devil In Me“, oder das vom Bebop angehauchte „Another U“, bei dem Violine und Klavier im Wechsel die Melodie übernahmen und variierten. Zwei Standards nutzte Widmoser bei den Zugaben für ein Experiment: Piano, Bass und Schlagzeug starteten mit dem rhythmisch unverkennbaren Einstieg von Dave Brubecks „Take Five“, doch dann setzte statt des Saxophons die Geige ein, und zwar mit Duke Ellingtons „Take the A Train“. Zwei Standards zu einem machen? Ein musikalisches Wagnis, doch das Publikum war begeistert und der Applaus entsprechend.

Klaus Bovers

Artikel 10 von 11