Orpheus von Amsterdam trifft Eurydike aus Bukarest

von Redaktion

Alina Rotaru spielt Orgelwerke des niederländischen Komponisten Jan Pieterszoon Sweelinck

Bad Endorf/Mauerkirchen – Dass Organistin Alina Rotaru den niederländischen Komponisten Jan Pieterszoon Sweelinck (1561 bis 1621) schätzt, war dem geneigten Zuhörer mit dem Untertitel des Konzerts, „Die Kunst des Jan Pieterszoon Sweelinck“, bewusst. Und so stand auf dem Programm ein Querschnitt durch die verschiedenen Gattungen von Sweelincks Orgelwerk: Toccata und Fantasia als Repräsentanten freier Formen sowie Variationen über geistliche und weltliche Melodien. Perfekte Technik und das Wissen, wie diese Musik zum Leben erweckt werden kann, verband Alina Rotaru auf der einmanualigen, aber mit vielen Registern versehenen Orgel aus dem frühen 19. Jahrhundert in der Mauerkirchener Pfarrkirche St. Johannes.

In Rotarus virtuosem Orgelspiel wurden die Strukturen von Kontrapunkt und Polyphonie verständlich, unmittelbar fasslich. Ebenso transparent gestaltete sie Figurationen und instrumentales Passagenwerk. Bausteine, die derlei Orgelwerke aus dem 17. Jahrhundert ausmachen und die Rotaru in eine äußerst beseelte, von allem Pathos befreite Musik einfließen ließ. Das spürte man beim weltlichen Lied „Mein junges Leben hat ein End“, das Mark Ehlers zuerst solistisch im Kirchengang anstimmte, ehe das Orgelspiel unaufdringlich, aber wunderschön den Wechsel des immer wieder leicht veränderten cantus firmus zwischen den Stimmen gestaltete, eingebettet in ein kontrapunktisches Geflecht. „Engelse fortuyn“ war nicht minder beglückend bei seiner anspruchsvollen Polyphonie. Die „Toccata“ zum Auftakt zog ob ihrer meditativen Kraft in den Bann, das „Balleth del Granduca“ lud mit höfischer Eleganz zum Tanz und das „Onder de linde groen“ entwickelte sich von einer schlichten Melodie zu beinahe übermütiger Polyphonie. Beim „Puer nobis nascitur“ schimmerte das Lutherische Weihnachtslied „Vom Himmel hoch da komm ich her“ durch.

Hatte die Organistin schon bei der „Pavana Philippi“ mit dem vielfältigen Zusammenklang der Register gespielt, so setzte sie einen wahrhaft überirdisch schönen Schlusspunkt mit der „Fantasia Cromatica“. Die Kunst, den komplizierten Satz deutlich, fein und zwingend darzustellen, verbunden mit der hörbaren Liebe an der Gestaltung dieser Musik, setzte mehr als ein Ausrufezeichen.

Dass es in der niederländischen Orgelmusik noch viele weitere Schätze zu bergen gilt, wurde mit der Zugabe, einem gefälligen „Brabansche ronden dans ofte Brand“ aus der Feder von Susanne van Soldt (einer jüngeren Zeitgenössin Sweelincks) deutlich: tänzerisch anmutig, reich verziert mit improvisierten Variationen und Kontermelodien – zauberhaft.

Sweelinck, der ob seiner Komponierkunst als Orpheus von Amsterdam bezeichnet wird, habe in Alina Rotaru seine Eurydike gefunden, hatte Ehlers in seinem Willkommensgruß gesagt. Bleibt zu hoffen, dass die Mythologie hier eine neue Wendung nimmt. Möge Alina Rotaru wiederkommen und das geneigte Publikum bald wieder mit ihrem Orgelspiel erfreuen. Elisabeth Kirchner

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