Frühlingshafte Klangpoesie in der Kirche St. Walburg

von Redaktion

Im fünften Konzert des Chiemgauer Musikfrühlings treffen französische Impressionisten auf Mozart

Seeon – Vier Werke standen beim fünften Konzert des Chiemgauer Musikfrühlings in der St. Walburgkirche bei Kloster Seeon auf dem Programm: Zwei davon von den französischen Impressionisten Maurice Ravel und Claude Debussy und eines, als reizvolle historische Vorläuferfigur, von Jean Baptiste Barrière (1707 bis 1747), dessen Klangsprache bereits jene feine Schwebe und Farbempfindlichkeit der späteren Impressionisten ahnen lässt. Mozart, als Vierter im Bunde, öffnete mit seiner klaren Formensprache einen hellen Kontrapunkt zu den farbsatten Klangnebeln der Franzosen. So entstand ein Programm, das weniger auf Kontraste setzte als auf feine Übergänge. Sechs Interpreten stellten sich als sensible Mittler heraus, spannten belastbare Fäden vom Damals ins Heute und ließen die Musik nicht museal wirken, sondern gegenwärtig.

Diesen Dialog über Zeiten hinweg eröffneten Justus Grimm und Valentin Radutiu mit Barrières Sonate in G-Dur für zwei Violoncelli: ein Stück voll höfischer Eleganz und spielerischer Virtuosität. Im eröffnenden Satz wechseln sich kantable Linien und kleine, fast tänzerische Dialoge ab. Der langsame Mittelsatz gefiel mit jener französischen Vornehmheit, die mehr andeutete als ausstellte, und das Finale setzte auf Beweglichkeit und charmanten Schwung – ein barockes Duett, das zugleich Leichtigkeit und Brillanz verlangt. Mit soghafter Präsenz brachte sich Irina Stachinskaya ins Konzert ein: Debussys Syrinx für Flöte solo interpretierte sie, als sei es soeben aus ihrem Innersten aufgestiegen. Jeder Ton wirkte wie ein Atemzug. Sie ließ die Linien nicht einfach erklingen, sondern formte sie zu einem flüchtigen Monolog, der den Raum für einen Moment in reine Klangpoesie verwandelte.

Ravel hatte die Sonate für Violine und Violoncello M73 aus dem Eindruck eines schmerzhaften Verlustes komponiert – dem Tod Debussys, dessen Klangwelt ihn über Jahrzehnte begleitet hatte. Die Sonate ist daher kein elegisches Abschiedsstück, sondern ein scharf konturiertes In-Erinnerung-Rufen: kantig, konzentriert, von einer fast asketischen Klarheit, die Ravels Trauer in Energie verwandelt. Das nachzuempfinden gelang Violinistin Alexandra Conunova und Cellist Justus Grimm mit jener interpretatorischen Wucht, die den Zuhörer unweigerlich mitreißt – bravo! Zum Schluss hauchte mozartische Leichtigkeit alles Schwere hinweg: Sein Quartett für Flöte, Violine (Erik Schumann), Bratsche (Razvan Popovici) und Cello (Justus Grimm) öffnete den Raum wie ein freundlicher Luftzug, der die zuvor aufgewühlten Klangschichten in heitere Transparenz überführte. Die Linien wirkten federnd, die Dialoge zwischen den Instrumenten wie kleine Lichtreflexe: ein Ausklang, der nicht beschwichtigte, sondern befreite und irgendwie die Eisheiligen bannte. Entsprechend euphorisch hallte der Schlussapplaus durch die Kirche. Kirsten Benekam

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