Wolfgang Jahn Foto janka
Rosenheim – Heuer feierten die Vereinigten Staaten von Amerika ihr 250-jähriges Jubiläum. Als ihre Geburtsurkunde gilt die erste kartografische Darstellung des neuen Kontinents. Diese Weltkarten von Martin Waldseemüller erschienen 1507. Der aus Rosenheim stammende Historiker Wolfgang Jahn hat nun in einem ausführlichen Buch die Auffindung und Publikation dieser Weltkarte erzählt, die Karte selber genauestens beschrieben, die Reaktionen anderer Kartografen und auch die verschlungenen Wege dargestellt, wie die Weltkarte endgültig nach Amerika verkauft wurde, wo sie in einer eigens angefertigten Vitrine in der Library of Congress ausgestellt ist. Weil Wolfgang Jahn und Interviewer Rainer W. Janka seit Langem befreundet sind, ist das Interview im vertraulichen „Du“ gehalten.
Lieber Wolfgang, wie bist Du darauf gekommen, über die berühmte Waldseemüller-Weltkarte ein Buch zu schreiben?
Das war eine glückliche Verkettung von Umständen: Ich stand vier Wochen vor meiner Pensionierung und war auf einer Reise nach Speyer, um mir die Ausstellung „Die Habsburger im Mittelalter“ anzuschauen und bin dort vom Lektorat der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft angerufen worden. Die Lektorin hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein Buch über diese Weltkarte zu schreiben. Zuerst habe ich mir gedacht: Was soll das, ich bin kein Kartograf, sondern Historiker. Aber sie meinte, das historische Umfeld sei interessant und spannend genug, darüber könne man als Historiker schreiben.
Wie kam die Lektorin gerade auf Dich?
Ich hatte ein, zwei Jahre davor über eine Karte, die die bayerische Staatsbibliothek in den 1990er-Jahren gekauft hatte und die sich 2018 aber als Fälschung herausgestellt hat, ein Buch geschrieben und habe dort rausgebracht, wie es zu dieser Fälschung gekommen ist und wer wahrscheinlich die Fälscher waren. Gefälscht wurde nämlich eine kleine Weltkarte von Martin Waldseemüller, gedacht für einen winzigen Globus. Seitdem war mein Name mit Waldseemüller verbunden. Ich dachte also, vier Wochen vor der Pension, das ist ein guter Start in die Pension. Es sollte innerhalb eines Jahres abgeschlossen sein. Ich war wirklich ein Jahr später mit dem Buch fertig – dann ging die Wissenschaftliche Buchgesellschaft pleite.
Du hast wirklich nur ein Jahr für dieses Buch gebraucht – bei über 500 Anmerkungen?
Ja, das geht schon – mein nächstes Buch hat 1.400 Anmerkungen (lacht herzhaft).
Musstest Du Dich als studierter Historiker in die Terminologie der Geografie erst einarbeiten?
Ja, das war das Schwierigste. Als Historiker kann man zwar viel, aber diese Terminologie ist einem einfach fremd. Es gibt aber Gott sei Dank gute Grundlagenliteratur. Ich hatte aber das Glück, die Auffindungsgeschichte im Archiv der Fürsten Waldburg-Wolfegg und die Verkaufsgeschichte dieser Karte zu entdecken! Das war Neuland. Die Verkaufsgeschichte begann nach dem Ersten Weltkrieg, wo man Millionäre suchen musste, denen man die Karte verkaufen hätte können. In den 70er/80er-Jahren wurde es wieder spruchreif, bis es endgültig zum Verkauf an die Library of Congress kam. Das war für mich das Spannendste.
Hast Du Pläne für noch mehr Bücher?
(lacht verhalten) Das nächste wird ein Buch über das Bauen und Arbeiten am Obersalzberg 1933-1945 sein. Der Anlass ist ein Erbfall: Meine Frau hat eine kleine Wohnung am Obersalzberg geerbt, auf der Buchenhöhe. Die stammt augenscheinlich aus der Zeit des Nationalsozialismus. Aber kein Schild, keine Erklärung war zu finden. Und da dachte ich mir, wenn ich mal in Pension bin, schaue ich da mal nach. Das hat sich jetzt so ausgewachsen, dass es im nächsten Jahr der Wallstein-Verlag in Göttingen drucken wird. Das werden so 400 Seiten mit 75 Bildern sein. Und irgendwann mache ich natürlich „meine“ Normannen weiter. Über die frühen normannischen Herzöge in Süditalien gibt es bisher sehr wenig.
Für Deine Promotion hast Du auch im vatikanischen Archiv gearbeitet. Wie war es dort?
Da kommen nur Eingeweihte rein. Es hat nur einen kleinen Nachteil: In der Benutzerordnung steht, dass man nur mit Sakko auftreten darf. Da musste ich sofort zu Hause anrufen und mir ein Sakko nachschicken lassen. Sonst war es eine wunderbare Zeit. Die Mitarbeiter waren hervorragend kompetent. Alle Urkunden waren nicht ediert, sondern nur als Handschriften verfügbar. Ein Dokument war in Spätlatein/Frühfranzösisch geschrieben. Es zu entziffern, ging einigermaßen: Ich hatte ja Latein und Französisch in der Schule. Nebenbei: Das vatikanische Archiv hat den günstigsten und besten Espresso von ganz Rom.
Wie kam es zu dem Thema der Doktorarbeit?
Das habe ich mir selber gesucht. Mein Doktorvater hatte eine sehr spannende Vorlesung über die Normannen in Süditalien gehalten und ein Seminar angeboten. Da habe ich dann Feuer gefangen. Wir hatten auch eine Exkursion nach Rom gemacht. Dort konnte man ein Stipendium beantragen, das mir überraschenderweise ganz schnell genehmigt worden ist. Dann war es klar, dass es ein Thema sein musste, das mit Italien zu tun hatte.