Man muss es einfach nur spielen!

von Redaktion

Eindrucksvoller „Fidelio“ im Taschenbuchformat im Stephanskirchener Antrettersaal

Stephanskirchen – Viele Opernregisseure halten Beethovens Oper „Fidelio“, diesen Zwitter aus kleinbürgerlichem Singspiel und Freiheitsdrama, aus Oper und Oratorium, für unspielbar. Doch, „Fidelio“ ist spielbar: Man muss das Stück einfach spielen! Das tat die Operntruppe um Franz Hawlata, den in Haidholzen wohnenden Bassisten, im Antrettersaal. Es sollte eine „Taschenbuchoper“ sein, also eine szenisch verknappte Oper ohne Stadttheater-Pomp. Das Orchester bestand wieder nur aus einem Flügel, den Stellario Fagone wirbelwindig bearbeitete und aus dem er alles an Klang herausholte, was möglich und nötig war.

Umwerfender
Auftritt

Zwischendurch bemerkte man gar nicht mehr, dass das Orchester fehlte. Umso umwerfender war dann der Auftritt eines leibhaftigen Trompeters, der die Ankunft des Ministers und damit die Freiheit des Helden ankündigt. Vor der Bühne waren sechs Stühle aufgereiht, unter denen orangefarbene Overalls lagen, und man wusste: Aha, das sind die Kerkerinsassen. Auf der Bühne bügelte Marzelline (mit dramatisch aufgeheiztem Sopran: Susanna Veith), die Tochter des Gefängniswärters Rocco (Franz Hawlata mit kraftvollem Bass), die übrigen Overalls.

Währenddessen wird sie von Jacquino (mit nettem Spieltenor: Alexander Völkel), gekleidet in Lederhose und Basecap, bedrängt, ihn zu heiraten. Marzelline ist aber verliebt in Fidelio, weiß aber nicht, dass der in Wirklichkeit die verkleidete Leonore (Yvonne Steiner) ist, die ihren Gatten Florestan befreien möchte, der im tiefsten Kerkerkeller schmachtet. Auch wenn all dies sich also in kleinbürgerlicher Häuslichkeit abspielt: Sobald alle das Quartett „Mir ist so wunderbar“ anstimmen, stellt sich der Zauber dieser Musik ein, die das bisher banale Geschehen gleichsam transzendiert.

Die Gefangenen marschieren von hinten ein und ziehen sich die Overalls an, während das infernalisch Böse stimmlich durch Mark und Bein geht: Thomas Gazheli ist der Gouverneur Pizarro. Genauer gesagt: Thomas Gazheli verwandelt sich völlig in Pizarro, brüllt mit Donnerstimme Rocco an und singt so lodernd und drohend gefährlich, dass man als Zuschauer froh ist, nicht sein Gefangener zu sein. Dagegen steht Leonores Hoffnungs-Arie: Liebesglühend, innig und mitleidheischend und intensiv bis höchste Höhen verspricht Yvonne Steiner: „Die Liebe wird‘s erreichen!“ Immer leuchtender wird ihre Stimme, bis sie wird, was sie singt: „So leuchtet mir ein Farbenbogen.“ Leonore und Jacquino helfen den Gefangenen auf, um sie ins Freie zu bringen, wo sie die „freie Luft“ besingen: Der Chor stammt von der Münchner „Opera incognita“, dessen musikalischer Leiter Ernst Bartmann aus der ersten Reihe dirigiert. Die Choristen singen tapfer und immer mutiger werdend ihren Part. Markus Herzog als Florestan absolvierte seine Arie („Ach Gott, welch Dunkel hier!“) bravourös, stimmsicher vom ersten Ton an und heldentenoral bis zum gefürchteten hohen Schluss. Hochspannend warf sich die mit einer Pistole bewaffnete Leonore zwischen ihren Gatten und Pizarro („Töt‘ erst sein Weib!“), achtunggebietend war der Auftritt des stimmstarken Ministers (Maximilian Maurer) und freudetaumelnd dann der oratorienhafte und nimmermüd jubelnde Schluss.

Ohne Notenblätter
gesungen

Das Schöne und Wirkungsvolle dieser Aufführung war, dass alle gut miteinander agierten, gut miteinander spielten – bis auf das „Namenlose Freude“-Duett, in dem sich Florestan, statt seine Leonore anzusingen, wegdreht. Und schön war auch, dass alle – nicht wie bei den früheren Opernaufführungen dieser Truppe – ohne Notenblätter sangen, also wirklich spielten: Man versteht die Geschichte. So einfach ist es. Und so eindrucksvoll. Und wert, von mehr Zuschauern gesehen und gehört zu werden.

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