Kunst trifft Demokratie

von Redaktion

Die Neuauflage der Ausstellung „Königsklasse – Könnt ihr noch?“ läuft bis 18. Oktober

Herrenchiemsee – Wenn Kultur und Künste Gradmesser für die Freiheit der Gesellschaft sind, gilt das auch für die Demokratie? Die Neuauflage der Ausstellung „Königsklasse – Könnt ihr noch? Kunst und Demokratie“ im Nordflügel des von König Ludwig II. errichteten Schlosses Herrenchiemsee ist aktueller denn je.

Wie steht es um Freiheit, um die Selbstbestimmung und um die Würde des Menschen? Wie steht es um unser Verhältnis zur Demokratie? Wie können Kunst und Kultur dazu beitragen, Werte der Demokratie zu stärken?

Einzigartiger
Rahmen

Über 50 einzigartige Werke der Sammlung Moderne Kunst/Pinakothek der Moderne, ergänzt um einige Leihgaben, haben am Sonntag, 18. Oktober, ihren großen Auftritt im Nordflügel des Schlosses. Werke, die in ihrem historischen Kontext entstanden sind und damit Beobachtungen und Kommentare gesellschaftlicher Phänomene ihrer Entstehungszeit sind. „Könnt ihr noch?“ fragen Künstler wie Max Beckmann, Joseph Beuys, Ernst Ludwig Kirchner, Sheila Hicks, Maria Lassnig, Inge Mahn, Henry Moore, A. R. Penck, Pablo Picasso, Judit Reigl, Gerhard Richter, Rosemarie Trockel oder Andy Warhol.

Der spannungsvolle Dialog von Kunstwerken und Architektur bekommt im Wechselspiel mit der Natur in ihrem jahreszeitlichen Verlauf einen einzigartigen Rahmen. Das Schloss, im vergangenen Jahr in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen, ist der ideale Ort für diese Ausstellung: König Ludwig II. ließ es nach dem Vorbild von Versailles errichten.

Aber hier, auf Herrenchiemsee, wurde auch beim Verfassungskonvent im August 1948 die Grundlage für die deutsche Verfassung geschaffen. Im Alten Schloss ist dem Verfassungskonvent dauerhaft die Ausstellung „Der Wille zu Freiheit und Demokratie“ gewidmet, in den unvollendeten Rohbauräumen hingegen geht es um „Kunst und Demokratie“ – mit Werken von der Weimarer Republik bis heute.

Der Titel „Könnt ihr noch?“ der Hamburger Band Deichkind trifft den Nagel auf den Kopf. Mit „Voice-Assistant endgestresst, Whistleblower, Wespennest, Quick and dirty, wenig Zeit, doppelte Geschwindigkeit“ bleibt kaum Zeit zum Nachdenken, zum Fragen. In Dauerschleife wird das Musikvideo „Könnt ihr noch?“ von Deichkind abgespielt. Der Animatronics-Roboter-Kopf neben der Leinwand folgt dem Blick des Betrachters – schürt Ängste vor Überwachung, lädt aber auch zum Hinschauen ein. Und zum Mitmachen. Der nachfolgende Raum ist nämlich der Teilhabe gewidmet: Im Kinderforum van de Loo, einer 1970 vom Münchner Galeristen und Mäzen Otto van de Loo gegründeten Initiative, werden kleine und große Besucher zum Mitmachen und zum Austausch aufgefordert. Denn auch Kreativität und Spiel sind wertvolle Instrumente unserer Demokratie.

Deutschland als
reiner Agrarstaat

Frei und divers Agieren steht für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Zu nennen sind hier beispielsweise „Zwei Brüder“ von Ernst Ludwig Kirchner oder die „Femme“ von Pablo Picasso. Mit der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg kommt es zu Wunden und Brüchen, Schmerz und Erschütterung, was sich selbstredend auch in der Kunst niederschlägt. Düster wirken die Farben – „Ruinengespenst“ von Willi Geiger –, abgekämpft und verletzt der Mensch in der Bronzestatue „Falling Warrior“ von Henry Moore, beinahe provozierend das Kreuzigungstriptychon von Antonio Saura.

Und nach 1945? Anselm Kiefers „Morgenthau“ mit vertrockneten Ähren und einer am mit Asche bedeckten Boden kriechenden Schlange ist Abbild der Natur und zugleich der Zeitgeschichte – wollte doch der amerikanische Finanzminister Morgenthau Deutschland in einen Agrarstaat umwandeln.

Die figurative Bildsprache wie bei Jörg Immendorffs Wimmelbild „Café Deutschland“, A. R. Pencks „Junge Generation“ oder K. H. Hödickes „Mauer“ mit Fabelwesen an der Berliner Mauer deckt Verdrängtes in der Gesellschaft auf. Rosemarie Trockel, Inge Mahn oder Maria Lassnig setzen wichtige Akzente im Sinne feministischer Sichtweisen und erweitern die Kunst um neue Materialien.

Den Faden der Demokratie verkörpert die über sieben Meter hohe Installation „Saffron Sentinel“ von Sheila Hicks: knuffige Bündel aus roten, gelben und orangen Fasern, die mit feinen, fast unsichtbaren Netzen zusammengehalten werden. Im Raum „Frei/unfrei“ geht es um Selbstentfaltung und Zusammenhalt. Dass Demokratie auch ein fortwährender Balanceakt ist, verkörpern sinnbildlich die „Balancierenden Türme“ (1989) von Inge Mahn, nur von einem Seil zusammengehalten.

Aufblühen
und Hoffnung

Das unvollendete Treppenhaus – die Klammer zwischen der modernen Kunst in den roh belassenen und dem Prunk der ehemals bewohnten Räume – wird von Paloma Varga Weisz bespielt. Poetische Arbeiten, die existenzielle Fragen mit einem sensiblen Umgang mit Materialität und surrealen Elementen verbinden. Da ist eine Skulptur aus Lindenholz, die ein Kind trägt, da sind zwei Keramikköpfe, die in verschiedene Richtungen schauen, und dort stehen Korbfiguren in Glockenform mit Köpfen aus Lindenholz – die eine mit Flügeln, die andere trägt eine schwere Last. Ein Sinnbild für unsere Gesellschaft. Die „Rose für direkte Demokratie“ von Joseph Beuys hinter Glas symbolisiert Aufblühen und Hoffnung. Kunst und Demokratie – Könnt ihr noch? Können wir noch?

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