Riedering/Söllhuben – Allein die Namen Mezzosopranistin Okka von der Damerau und Pianistin Sophie Raynaud hätten eigentlich genügen können, um den Saal beim Hirzinger zu füllen. So war es nur ein dreiviertel volles Haus bei der Konzertreihe Nightingale. Glücklich der, der dem Konzert beiwohnen durfte. Denn wer Okka von der Damerau zuhörte, konnte sich die Lieder gar nicht anders vorstellen, als genau so, wie man sie gerade hörte. Okka von der Damerau lotete jede Note genau aus, vermittelte Emotion. Und doch klang das Ergebnis so natürlich, die Schwierigkeit nicht hörbar.
Die Mezzosopranistin wurde bei ihrem Vortrag quasi auf Händen getragen von der Pianistin Sophie Raynaud. Ihre klaren Läufe, aber auch manchmal fast klavierkonzertartig interpretierten Ausbrüche standen immer im Dienst des Liedes und waren dabei so schlicht wie unbedingt.
Edvard Griegs „Sechs Lieder“ op. 48 eröffneten den Liederabend. Sophie Raynaud bildete den weiten Klangteppich, auf dem sich der Mezzosopran von der Dameraus mit abgeklärter Kontrolle ausbreiten und entfalten konnte. Man sah, man roch förmlich die verblühende süße Rose und da sorgte der schöne „Traum“ für Gänsehaut.
Beim „Lied ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy ließ Raynaud ihren Flügel singen, mit äußerst geschmackvoll eingesetzten Rubati und agogischen Akzenten, mit samtenem Anschlag und sorgsamem Pedalgebrauch. Nicht minder formvollendet interpretierten die beiden die Zerrissenheit des lyrischen Ichs der „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler. Klavier und Gesang verkörperten genau jene zwischen Verliebtheit und Verzweiflung angesiedelte Stimmung überzeugend und ungekünstelt. Das „Ging heut morgen übers Feld“ war Poesie pur. Da sah man Glockenblumen sich wiegen und die im Sonnenschein funkelnde Welt, während das „Ich hab‘ ein glühend Messer“ schaudern ließ. „Die zwei blauen Augen von meinem Schatz“ reichten von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt.
Nach der Pause stand Robert Schumanns „Liederkreis“ op. 39 nach Joseph Eichendorff auf dem Programm. Vielschichtige, dämmrige Spätromantik, voller Abgründe und Brüche. Bei der „Mondnacht“ fühlte man seine eigene Seele weit ihre Flügel ausspannen. Man sah eine Hochzeit, die tönend durch den Wald zieht, und dann war alles vorbei – „und mich schauert‘s im Herzensgrunde.“ Beim „Hüte dich, bleib‘ wach und munter!“ fühlte man sich direkt angesprochen. Was für eine deklamatorische Sorgfalt, was für eine ausdrucksstarke Stimme, die scheinbar mühelos zwischen Stimmkunst und den feinsten Schattierungen changierte, die leicht und natürlich klang, die sich nie über die Komposition stellte. Dazu die Pianistin, die sich – stets auf Augenhöhe – als mehr als gleichberechtigte Dialogpartnerin erwies. Kein Wunder, dass das Publikum Zeit brauchte, um wieder im Konzertsaal geerdet anzukommen. Aber auch die beiden Künstlerinnen, die sich beim Publikum mit einem „Schön, dass Sie das Lied feiern“ und Zugaben bedankten.
Beim „Du meine Seele, du mein Herz“ aus Schumanns „Widmung“ durfte das Publikum förmlich im Wohlklang baden, sich bei „Ringel, ringel Reih’n“ aus „Hans und Grete“ von Gustav Mahler mitwiegen und einen Auszug aus Johannes Brahms‘ „Da unten im Tale“ genießen. Es war ein Liederabend, der der Liedkunst huldigte, der aber auch direkt ins Herz sprach.
Elisabeth Kirchner