Pointen statt Predigt

von Redaktion

Interview Kabarettist Helmut Schleich über seinen Auftritt in Kolbermoor

Kolbermoor – Wenn es um bissige Satire, präzise Beobachtungen und scharfzüngige politische Pointen geht, zählt Helmut Schleich seit Jahren zu den bekanntesten Kabarettisten Deutschlands. Am Samstag, 13. Juni, gastiert er mit seinem neuen Programm „Live 2026“ in Kolbermoor. Im Gespräch spricht er über Politik zwischen Dauerkrise und Dauerempörung, den Zustand des Kabaretts – und darüber, warum gerade das Publikum in Oberbayern besonders aufmerksam zuhört.

Hallo Herr Schleich, Sie sind bei der Tournee im Deutschen Theater in München, aber auch bald in Kolbermoor – wie wichtig sind Ihnen Gastspiele abseits der großen Städte?

Sehr wichtig. Nicht zuletzt von unserem Ministerpräsidenten haben wir gelernt, das wahre Leben in Bayern spielt sich abseits der Metropolen ab, da muss man als Kabarettist doch dabei sein. Das wahre Leben ist doch das Kabarett-Thema Nummer eins.

Das Publikum in Oberbayern gilt als direkt und aufmerksam. Spürt man regionale Unterschiede auf der Bühne?

Unbedingt. In Oberbayern sind die Leute lustig, aber auch ziemlich saturiert, die Franken gelten als eher verschlossen, aber wenn man sie knackt, dann sind sie ein treues Publikum, die Niederbayern und Oberpfälzer haben einen rebellischeren Geist als der Süden, spüre ich… wen haben wir vergessen? Die Schwaben. Pardon, die gibt es in Bayern natürlich auch. Ein aufmerksames Publikum, das sich den Applaus manchmal bis zum Schluss aufspart.

Was erwartet das Publikum in Kolbermoor – eher politische Großwetterlage oder der alltägliche Wahnsinn?

Ich mache ein stets frisches, immer aktuelles politisches Kabarett, daher auch der vollkommen ungedrechselte Titel „Live 2026“. Damit verspreche ich was, das ich definitiv halten kann. Es kommen aber auch diejenigen voll auf ihre Kosten, die im Alltags-Deppen von nebenan das größere Problem sehen als in der großen Politik in Berlin, Brüssel oder Washington.

Sie schlüpfen immer wieder in unterschiedliche Rollen und Figuren. Gibt es für Sie eine Lieblingsfigur und aus welchen Gründen?

Meine Lieblingsfigur war lange unser bayerischer Papst Benedikt XVI. Mes- serscharfer Intellekt, sehr hohe Bildung und doch großes Unverständnis gegenüber der heutigen Welt. Das war schon ziemlich kabarettabel. Inzwischen ist sein Pontifikat zu lange her. Und außerdem ist ja eh Franz Josef Strauß das Bühnen-alter-ego von mir geworden. Eine Figur aus dem alten Bayern, die das heutige Bayern bös und witzig spiegelt. Insofern darf ich ankündigen: Strauß spricht in Kolbermoor.

Im Fernsehen steht das Timing unter extremem Druck. Können Sie auf der Bühne Figuren länger darstellen oder Pointen länger anbahnen?

Im Soloprogramm auf der Bühne bin ich da natürlich wesentlich freier als im Fernsehen. Allerdings will auch ein Live-Publikum im Saal knackig unterhalten sein. Allzu viel Zeit sollte man sich also bei der Pointenanbahnung auch hier nicht lassen. Aber zwischendurch mal ein ernsterer Gedanke, das gehört schon auch dazu.

Kabarett lebt vom Timing. Gibt es Momente, in denen Sie bewusst improvisieren?

Aber gerne. Wenn man zwei Stunden lang redet, dann ergeben sich währenddessen sogar bei einem Kabarettisten mitunter spontane Gedanken, die sich ihren Weg ins Programm bahnen. Deswegen werden Programme im Lauf der Zeit immer länger. Da heißt es dann ab und zu wieder „kill your darlings“. Wer macht so was schon gerne!?

Wie entsteht bei Ihnen aus einer Schlagzeile schließlich eine Kabarettnummer?

Aus der Schlagzeile entsteht selten eine Nummer. Die Vermischung von Schlagzeilen, Meldungen, Hintergrund und Zitaten liefert den Stoff, den ich dann auf der Bühne bis zur Kenntlichkeit durch den Mixer jage.

Früher hieß es oft: Kabarett erklärt Politik. Heute konkurriert es mit sozialen Medien, Memes und Dauerkommentaren. Welche Rolle kann politisches Kabarett überhaupt noch spielen?

Ich komme mehr von der Pointe, weniger vom Predigertum. Sich im Kabarett hinzustellen und den Leuten zu sagen, was sie zu denken haben – und darüber zu allem Überfluss womöglich noch den Witz vergessen, das finde ich ehrlich gesagt furchtbar. Die Leute sollen lachen über das, was ihnen draußen jeden Tag um die Ohren schwirrt. Das ist auch meine Botschaft. Nie den Humor verlieren. Davon wird’s nämlich auch nicht lustiger.

Andreas Friedrich

Auftritt am 13. Juni

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