Raum für Klang und Sprache

von Redaktion

Liederabend mit Anahita Ahsef und Paul Rivinus in Kiefersfelden

Kiefersfelden – Schon die ersten Takte von Robert Schumanns „Im wunderschönen Monat Mai“ ließen vergessen, dass dieser Liederabend nicht in einem klassischen Konzertsaal, sondern im nüchternen Ambiente des Dynafit-Headquarters stattfand. Zwischen Glas, klaren Linien und funktionaler Architektur entstand ein überraschend intimer Raum für Klang und Sprache. Die gespannte Aufmerksamkeit im Saal machte früh deutlich, dass hier kein gefälliger Romantikabend geboten wurde, sondern eine konzentrierte Annäherung an die Kunst des Liedes.

Die Mezzosopranistin Anahita Ahsef und der Pianist Paul Rivinius präsentierten Schumann, Strauss, Brahms und Schubert nicht als sentimentale Rückschau, sondern als lebendige Auseinandersetzung mit Sprache, Klang und innerer Haltung.

Differenzierte
Gestaltungskraft

Im Mittelpunkt stand Ahsefs differenzierte Gestaltungskraft. Ihr warmer, klar geführter Mezzo verband technische Souveränität mit interpretatorischer Feinheit. Sie sang nie über den Text hinweg; vielmehr schien sich jede Phrase unmittelbar aus dem Wort zu entwickeln. Selbst in größter Zurücknahme blieb der Ton präsent.

Gerade Schumanns „Dichterliebe“ op. 48 stellte besondere Anforderungen. Diese Lieder verlangen weniger vokale Größe als genaue Kontrolle über Zwischentöne, Schwebezustände und sprachliche Nuancen. In einem akustisch offenen Raum wie dem Dynafit-Headquarter bedeutete das eine zusätzliche Herausforderung: Nicht jede Nuance konnte sich dort von selbst weich entfalten. Umso bemerkenswerter war, mit welcher Ruhe und Präzision Ahsef die fragile Innenwelt dieser Musik erschloss. Die Stimme behielt auch in feinen Pianissimi ihren Kern, die Diktion blieb klar.

Besonders in „Im wunderschönen Monat Mai“ zeigte sich diese Kunst der Andeutung. Ahsef widerstand jeder Versuchung, den emotionalen Gehalt des Liedes auszuspielen. Stattdessen ließ sie Schumanns schwebende Harmonien atmen und formte die Linien mit einer Zartheit, die nie unverbindlich wurde. Der Monat Mai erschien hier nicht als romantische Idylle, sondern als fragiler Beginn einer Liebe, deren Verletzlichkeit bereits im ersten Lied spürbar wird. Rivinius hielt den Klaviersatz transparent und leicht und schuf damit jenen Raum, in dem die Musik ihre innere Spannung entfalten konnte.

Einen wirkungsvollen Kontrast dazu bildete „Ich grolle nicht“. Oft wird dieses Lied mit äußerer Dramatik überladen; Ahsef entschied sich für den schwierigeren Weg der kontrollierten Zurücknahme. Mit leicht verdunkeltem Timbre und fein dosierter Schärfe zeigte sie den Schmerz hinter der Behauptung. Nichts daran war heroisch. Gerade die Beherrschung des Ausdrucks machte die innere Verletzung umso spürbarer. Rivinius strukturierte den pochenden Klaviersatz mit rhythmischer Klarheit und sparsamem Pedalgebrauch, wodurch auch die feine Ironie Heinrich Heines hervortrat – jenes Spiel mit widersprüchlichen Gefühlen, in dem behauptete Stärke immer auch verborgenen Schmerz erkennen lässt. Nach dem Zyklus reagierte das Publikum mit lang anhaltendem, sichtlich begeistertem Applaus. Gerade weil Ahsef und Rivinius auf äußerliche Effekte verzichteten, entfaltete die Musik nachhaltige Wirkung. Dezent ergänzt wurde der Abend durch die Lichtgestaltung von Franz Heller und die visuellen Arbeiten von Valerie Kiock, die die musikalische Atmosphäre sensibel aufnahmen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Bei Richard Strauss öffnete sich der Abend stärker ins spätromantische Farbenspiel. „Ruhe, meine Seele“ gewann aus kontrollierter Spannung seine Wirkung, während „Traum durch die Dämmerung“ mit schwebender Bewegung und feiner Leuchtkraft überzeugte. Ahsefs Stimme blieb auch in den lyrischen Linien tragfähig und klar konturiert; Rivinius leuchtete den Klaviersatz mit ruhigem Atem und transparentem Klang aus. So entstand kein bloß atmosphärisches Stimmungsbild, sondern ein fein abgestimmter Dialog zwischen Wort, Stimme und Klavier.

Auch die Brahms-Lieder fügten sich organisch in diesen Spannungsbogen ein. In „Die Mainacht“ öffnete sich ein melancholischer Innenraum, der die Innigkeit des Abends noch einmal vertiefte. Hier gehörte der Moment nach dem letzten Akkord zu den eindrucksvollsten Augenblicken: Für einige Sekunden blieb der Saal vollkommen still, bevor sich der Applaus löste – ein Zeichen dafür, wie unmittelbar diese Interpretation nachwirkte. „Ständchen“ brachte dagegen eine beweglichere, hellere Farbe ein, ohne den konzentrierten Grundton des Programms aufzugeben. Ahsef fand auch hier eine überzeugende Balance zwischen sprachlicher Klarheit und gesanglicher Linie; Rivinius blieb ein aufmerksamer, fein reagierender Partner.

Besonders deutlich wurde die pianistische Klasse des Abends in Schuberts „Auf dem Wasser zu singen“. Dieses Lied ist weit mehr als Gesang mit Begleitung: Die wellenartig fließenden Figuren des Klaviers tragen die Atmosphäre fast wie ein eigenständiges Klavierstück, über dem sich die Singstimme entfaltet. Rivinius, einer der profiliertesten deutschen Kammermusiker seiner Generation, zeigte hier seine Erfahrung im kammermusikalischen Atmen. Mit federnder Bewegung, klanglicher Transparenz und fein abgestufter Dynamik ließ er das Wasser nicht bloß rauschen, sondern innerlich schimmern. Ahsef setzte darüber eine ruhig gespannte, leuchtend geführte Linie. Wie klug das Programm disponiert war, zeigte sich schließlich in Schuberts „Der Musensohn“. Nach den emotional verdichteten Liedern zuvor wirkte dieses Stück wie ein bewusst gesetzter Gegenpol.

Federnde Artikulation und
klares Rhythmusgefühl

Ahsef sang mit federnder Artikulation, klarem Rhythmusgefühl und hörbarer Freude an der Beweglichkeit der Sprache. Rivinius hielt den Klaviersatz leicht und flexibel, ohne in bloße Virtuosität abzugleiten.

So entstand ein Liederabend, der die romantische Liedkunst nicht museal präsentierte, sondern als lebendige Kunstform erfahrbar machte. Anahita Ahsef überzeugte mit stimmlicher Klarheit und interpretatorischer Ernsthaftigkeit, die berührten, ohne sentimental zu werden. Paul Rivinius erwies sich dabei als weit mehr als ein Begleiter: als Pianist von internationalem Rang, als musikalischer Partner von Sensibilität und stilistischer Intelligenz. Gerade in seiner Konzentration gewann dieser Abend eine Intensität, die noch lange im Raum zu bleiben schien.

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