Prien – Franz-Xaver Angerer ist einer der bekanntesten und auch eigenwilligsten Bildhauer und Grafiker in der Region. Ihm ist eine 136 Werke umfassende Ausstellung in der Galerie im Alten Rathaus gewidmet. Unter dem Titel „Innen und Außen II“ stehen seine karbonisierten Holzskulpturen zusammen mit den parallel entstandenen Arbeiten und neueren Werkgruppen im Mittelpunkt. Bei einem Rundgang dominieren neben dem großen Raum im zweiten Stock die Räume im ersten Stockwerk. Hier kann man perspektivische Durchblicke erhaschen und die Aussage einzelner Werke zu einem Dialog verknüpfen.
Überblick über 40 Jahre
künstlerischen Schaffens
In mehr als 40 Jahren kreativen Wirkens hat der Inzeller Künstler ein umfangreiches und vielfältiges Oeuvre geschaffen und dabei verschiedene stilistische und thematische Wege durchlaufen. Wie die Ausstellung sehr gut aufzeigt, gab es in seiner Werkentwicklung eine Reihe von Motivgruppen und Zyklen, von denen eine aus der anderen hervorgeht, die sich gegenseitig abwechseln, teils auch überschneiden. Die Ausstellung folgt diesen thematische Leitlinien und bietet einen tiefen Einblick in Angerers facettenreiches Werk. Die sorgsam zusammengestellte Kunstschau zeigt Skulpturen aus Holz, Materialbilder, Bronzen, Raumbilder und seine jüngsten Collagen und Black Paintings auf der einen sowie grafische Arbeiten – überwiegend Farbholzschnitte, Aquadrucke, Kohlezeichnungen und Fotografien – auf der anderen Seite.
Franz-Xaver Angerer ist seit 1988 freischaffender Künstler. Er lebt und arbeitet in Inzell sowie in Hammer in seiner Atelier-Galerie „Kunstgetriebe“.
Am stärksten beeindruckt der raffinierte Abwechslungsreichtum seiner bildhauerischen Kunst, die im Freiluftatelier in Holzen bei Inzell entsteht. In seinen Skulpturen gelingt es ihm, die massige Schwere des Holzes in äußerst dünnen, gebogenen, senkrechten und waagerechten Formationen mit Lamellenstrukturen zu einer Raum einfangenden und bestimmenden Gestalt zu binden. Die mit Quer- oder Längslamellen strukturierten Oberflächen machen das Innenleben des Holzes sichtbar und nehmen oftmals Bezug auf äußere Formen der Natur, auf Schichtungen oder Gebirgszüge. Durchbrüche gewähren dem Auge komplizierte Ein- und Durchblicke. Seine Skulpturen aus verschiedenen heimischen Holzarten mit Titeln wie „Feldzeichen“, „Babylon“, „Omega“, „Liegende Kreatur“, „Kommet“ oder „Kobra“ beeindrucken in der Ausstellung durch ihre Formenvielfalt.
Im Spiegel seiner beeindruckenden Bildhauerei bildet die Grafik ein eigenständiges Medium. Im ersten Stockwerk präsentiert er Farbholzschnitte, Aquadrucke und Kohlezeichnungen aus verschiedenen Serien. Bereits von Beginn des bildhauerischen Schaffens an entdeckt Angerer die Druckgrafik für sich und fertigt neben Schwarz-Weiß-Holzschnitten auch Farbholzschnitte. Dabei nutzt er die ganz eigene Materialität und Wirkung des Holzschnittes, um die Motive und Strukturen seiner Skulpturen in grafische Zeichen zu übersetzen.
Einen besonderen Blickfang bilden seine Aquadrucke ebenfalls im ersten Stockwerk. Mit dem Titel „Hommage an Galileo Galilei“ zeigt der Künstler Werke, bei denen der Druck in freier Natur erfolgt, wie auch bei seinen Eisbildern, bei denen höchst eigenwillige Oxidationsformen, Strukturen mit Erdtönen, freigesetzt werden, die verschiedene Assoziationen erlauben.
Im Zwischenbereich zu den dreidimensionalen Skulpturen und den zweidimensionalen Holzschnitten liegen seine Raumbilder, die auch im ersten Stock platziert sind und an eine unbewohnte Natur an Gebirgszügen, an geologische Formationen, angedeuteten Schichtungen, Aufspaltungen, Bruchgräben, Lavaspalten, oder Kratern denken lassen. Fasziniert vom Vulkanismus und der Plattentektonik der Erdkruste gestaltet und kombiniert Angerer auf schwarzen Untergrund mit der Säge bearbeitete, karbonisierte Holzteile und Holzstücke und imaginiert damit Erdformationen wie Erhebungen, Versenkungen, Berge, Schluchten oder Risse.
Eine andere Werkgruppe sind die seit fünf Jahren entstandenen Collagen. Die vielfach dunklen Papierstrukturen, die durch ihre Reißtexturen von höchst individueller Formqualität sind, umkreisen eine vielfach im Mittelpunkt mit Farbfolie gesetzte Rundung und deuten Krater oder Mulden von Vulkanen an, spiegeln einen Salzsee wider oder sind vertikal und horizontal komponiert mit einer eingebauten Farbfolie, die beispielsweise in Blau symbolhaft für einen See, Gebirgsfluss oder Bach steht.
Eine besondere Faszination übt im großen Raum des zweiten Stockwerks seine Island-Serie aus, die großformatig geologische Formationen und Gesteinsschichten andeutet und zusammen mit den platzierten Skulpturen eine ganz besondere harmonische Einheit bildet.
Beim Besuch dieser Präsentation erkennt man, wie Franz-Xaver Angerer auf das Zusammenspiel der einzelnen Arbeiten achtet. Er schafft Harmonien und Akzente, die in ihrer Wirkung in den Raum ausgreifen und eine unmittelbare Beziehung zwischen Bild, Skulptur und Betrachter herstellen. Im Überblick wird diese Präsentation zum idealen Gesamtraum, wie es dem Künstler vorschwebt. So fordert die Priener Ausstellung auf, Einzelwerke in ihren möglichen Kontexten wahrzunehmen, aus den einzelnen Stimmen ein Gespräch zu entwickeln.