Das Biest, ein Esel und die Schlange Kaa

von Redaktion

Ein Klavierduo bei den Konzerten im Schloss Neubeuern

Neubeuern – Sie kamen auf das Podium im Salon des Schlosses Neubeuern, lächelten, erklärten, spielten und begeisterten: Knut Hanßen und Séverine Kim saßen beide an einem Klavier und hatten lauter Bearbeitungen im Programm, Bearbeitungen bestens bekannter Orchesterwerke: Speckseitenmusik. Aber beide gaben dem Speck soviel pianistisches Fett dazu, dass man sich geradezu darin suhlen konnte.

Da tanzten die
Feen, Trolle und Besen

Man kann natürlich fragen, ob es nicht genügend originale Werke für ein Klavierduo gibt. Aber diese Frage erübrigte sich, als das Klavierduo zu spielen begann und mit seinem Spiel eine ganze Menagerie imaginierten: Da tanzten Feen, Elfen, Trolle und auch Besen, da trippelte eine chinesische Kaiserin durch Pagodenwälder und da ringelte sich die Schlange Kaa vom Baum. Dies alles mit so scharf markierter Plastizität gespielt, mit so viel Spiellust geboten und mit so liebevollem Humor erklärt, dass das Publikum ganz entzückt war.

„Ma mère l’oye“, auf Deutsch: „Meine Mutter Gans“, ist eine kleine Sammlung von fünf Stücken, die Maurice Ravel für ein Kinderpaar einer befreundeten Familie komponiert hatte, es sind Vertonungen von Märchen. Vor allem der dritte Satz, in dem die Kaiserin durch ihre Pagoden schreitet, nein, wegen der kleinen Füße trippelt, gefiel mit exotischen Klängen, Pagodenglöckchengeklingel und tiefen Basstönen, bei denen Séverine Kim über die Hände ihres Partners greifen musste. Der durfte oder musste dann das Biest spielen in den „Gesprächen der Schönen und des Biests“: Während er basstönig brummelt, singt sie in lyrischem Diskant, bis sich das Gespräch dramatisch zuspitzt und das abgrundtiefe Brummen sich in ein liebevoll-zartes Glissando wandelt.

In der „Sommernachtstraum“-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy wechselten Hanßen und Kim die Plätze: „Zuerst war ich das Biest, jetzt bin ich der Esel“, kommentierte Hanßen launig, weil er so das „Iah“ des Esels im Diskant markieren durfte. Zauberhaft der Anfang: Vier Akkorde ergeben hier eine Sommernacht, vier kühne Akkorde, vier Lüftchen – und dann ein Glühwürmchengewimmel und ein Elfentanz, bis der Esel sein „Iah“ rüpelt. Hanßen und Kim spielten hellwach, dieser Zaubermusik ganz hingegeben, während die Pianistin bisweilen ins Klavier hineinzukriechen schien.

Klangmächtig und sorgfältig nuanciert kam die „Peer-Gynt-Suite Nr. 1“ von Edvard Grieg. Das Duo frischte die sattsam bekannte und so oft für Werbezwecke gebrauchte „Morgenstimmung“ auf, brachte tragisch harte Töne für „Ases Tod“, ließ Anitra drehwirbelig tanzen und die Trolle „In der Halle des Bergkönigs“ trottelig trampeln. Maurice Ravel, der die Musik von Claude Debussy liebte, bearbeitete dessen „Prelúde à l’après-midi d’un faune“ für ein Klavierduo. Sinnfällig ließen die beiden die sich abwärts windende Anfangsmelodie sich schlängeln wie die Schlange Kaa aus dem „Dschungelbuch“ und entwickelten dann äußerst klangfeinfühlig eine akustische Duftwolke wie aus einem Parfümzerstäuber.

Ein vertonter
„Zauberlehrling“

Der Schluss war die Vertonung einer Ballade von Goethe: „Der Zauberlehrling“, französisch „L’Apprenti sorcier“, von Paul Dukas. Scharf markierten die Pianisten das Thema der trippelnden Besen, die sich dann vervielfältigen. Spannungsvoll, bildkräftig und mit viel dramatischem Gespür ließen die beiden das Wasser schwappen, den Zauberlehrling vor Angst aufschreien und, auch mal mit grellem Diskant, die eigentlichen Orchesterfarben aufleuchten. Spontan aufbrandend war dann der Beifall.

Mit einer furios gefetzten Zugabe, dem Slawischen Tanz op. 46, Nr. 8 von Antonín Dvorák, schickten Knut Hanßen und Séverine Kim die restlos beglückten Zuhörer nach Hause.

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