Wasserburg – Jedes Ding hat seine Zeit, heißt’s bei Shakespeare, und so steht’s auch auf dem Plakat des nunmehr letzten Wasserburger Klaviersommers. 22-mal hat er stattgefunden, nun ist mit dem letzten Klaviersommer am 20./21. Juni Schluss. Gegründet wurde er 2003 von Klaus Kaufmann. Er ist 1946 in Rosenheim geboren, hat am Ignaz-Günther-Gymnasium Abitur gemacht, Klavier studiert und danach an der Musikhochschule München und am Mozarteum Salzburg unterrichtet, ist Juror bei zahlreichen Klavier-Wettbewerben und hat die Austrian-Chinese-Music-University gegründet, ein Projekt, das ihm ermöglicht, chinesische Studenten von seinem Zuhause aus mit Hilfe moderner Technologie zu unterrichten. 1975 hat er das Wasserburger Kammerorchester gegründet und bis 2014 geleitet. Im Interview erzählt Klaus Kaufmann, wie und warum der Wasserburger Klaviersommer begonnen hat, wie er ablief und warum er jetzt endet.
Lieber Herr Kaufmann, warum und wie kam es zur Gründung 2003 des Wasserburger Klaviersommers?
Der hatte einen Vorläufer in Waldkraiburg. Ich hatte ja damals in Mühldorf gelebt und hatte zur Kulturszene in Waldkraiburg engeren Kontakt. Da ist es entstanden durch meine Tätigkeit am Mozarteum, wo von Juli bis September ein Sommerloch war. Dies ist für eine Ausbildung zum Pianisten viel zu lang. Da habe ich gesagt: „Machen wir was dazwischen, damit die jungen Leute noch mal gefordert sind.“ Dies hieß „Waldkraiburger Klavierwoche“. Das war ein Kurs mit circa zehn Studenten. Um die Jahrtausendwende bin ich nach Wasserburg gezogen und 2003 gab es dann den ersten „Wasserburger Klaviersommer“.
War das alles so einfach für Sie? Sie brauchten ja Genehmigungen und Räume.
Das war nicht ganz einfach. Wir brauchten Unterkünfte. Da gibt es die Beamtenfachhochschule (Anm. d. Interviewers: Die Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern – Fachbereich Sozialverwaltung), die hatten für circa hundert Leute Appartements. Diese haben sie uns sehr günstig vermietet. Natürlich nur in der Ferienzeit, deshalb war der Klaviersommer anfangs nur im August möglich.
Mussten die Klavierschüler alles selber bezahlen?
Wir waren bestimmt der billigste Kurs von Zentraleuropa! (lacht). Das waren zehn Tage mit Unterricht, mit Üben, mit Abendessen für 250 Euro, Frühstück konnten sie sich selber in den Appartements machen. Das war bewusst so von mir gelenkt, weil dadurch die, die wenig Geld hatten, auch mitmachen konnten.
Waren das immer nur Ihre eigenen Studenten?
Das waren bei weitem nicht nur meine Schüler. Wir hatten einmal bis zu 15 Nationen. Nebenbei bemerkt: Man muss unterscheiden zwischen Klaviersommer vor Covid und danach. Vor Covid waren es zehn Tage lang und ich musste zehn Flügel anmieten. Das war ein Riesenaufwand. Es ist aber finanziell immer ausgegangen durch die Kursgebühren.
Welche Räumlichkeiten hatten Sie dafür genutzt?
In der Sozialverwaltung hatten wir zehn Unterrichtsräume, alles im Parterre, was sehr angenehm war für die Anlieferung der Flügel.
Wie haben Sie diesen Klaviersommer bekannt gemacht?
Die Bekanntmachung und Anmeldung gingen über unsere Website. Natürlich haben wir Reklame gemacht. Im Schnitt waren es immer 20 bis 25 Studenten, davon etwa 15 hochkarätige von ganz hohem Niveau, und zwei bis drei Dozenten, darunter auch mein Kollege Thomas Böckheler.
War Ihre Frau Rita auch mit eingebunden?
Ja, so lange es um Sänger ging. Wir hatten im Klaviersommer in vielen Jahren auch etwas anderes dabei, einmal Violine und häufig Gesang. Dann war meine Frau für die Sänger verantwortlich, die sie begleitete, so wie sie dies jetzt an der Staatsoper in Wien tut. (Anm. d. Interviewers: Sie ist dort stellvertretende Studienleiterin). Im Übrigen gab es jeden Abend der zehn Tage ein Konzert der Studenten – das war das Besondere am Klaviersommer. Und alles war immer gut besucht.
Das heißt, die Aufnahme des Klaviersommers durch das Wasserburger Publikum war also gut?
Von Anfang an, vom ersten Mal, wo keiner wusste, was das ist. Wir waren erstaunt: Es kamen an den zehn Abenden jeden Tag um die hundert Leute.
Wo fanden diese Konzertabende statt?
Zuerst waren wir im damaligen Theater Belacqua, dem heutigen Theater Wasserburg. Das hatten wir angemietet, das war so Blackbox-artig und recht schön. Dann sind wir umgezogen in den Festsaal des InnSalzach-Klinikums. Da war mehr Platz, vor allem gab’s das große Foyer mit einer Bar, die wir selber bedienen konnten. Bei schönem Wetter kann man sehr schön draußen stehen. Der Saal selber ist nicht so schön, er ist klinisch sauber, aber wir konnten ihn farbig ausleuchten. Das ergab eine viel intimere Atmosphäre.
Haben Sie Unterstützung durch die Stadt Wasserburg bekommen?
Natürlich, wir wurden immer unterstützt.
Sie haben ja unzählige Klavierstudenten unterrichtet. Worauf legen Sie dabei besonderes Gewicht?
Die Studenten sind gut, wenn man sie gut unterrichtet. Mir ist wichtig, dass sie nicht in irgendein Schema gepresst werden und gleichsam geklont als Produkt da rauskommen, sondern dass jeder seine eigenen Stärken und Schwächen erkennt, daran arbeitet und merkt, dass er ein künstlerisches Individuum ist.
Wie bekommt man das Individuelle heraus?
Man muss einfach den lockeren Zugang zur Musik finden. Ich erlebte besonders in Japan – ich hatte 1982-1984 dort eine Gastprofessur – ein beinhartes „So wird das gemacht und nicht anders!“ Das geht mir total gegen den Strich. Ich habe versucht, den Studenten beizubringen, was groß ist an Bach und an Mozart und was ist das Tolle bei Beethoven und wie drücke ich das aus im Spiel, vor allem durch den Klang und den Ton, vor allem mit der Lockerheit. Das ist das A und O.
Könnten Sie dies näher erklären?
Klavierspielen hat sehr viel mit dem Körper zu tun. Man könnte Gefahr laufen, dass es sehr mechanisch wird und dass der körperliche Bezug gar nicht mehr vorhanden ist. Man drillt die Finger und alles andere ist fest. Ein schöner Klavierton beginnt nicht bei den Fingern, der endet bei den Fingern. Er fängt in den Schultern an, die frei sein müssen, auch der Unterarm muss frei sein. Es ist ein bisschen schwer zu erklären, ich müsste es selber demonstrieren (lächelt).
Hatten Sie jemals an einen Nachfolger für die Leitung des Klaviersommers gedacht?
Daran habe ich sehr wohl gedacht. Ich habe eine chinesische Assistentin gehabt: Lei Meng, die eine wirklich sensationelle Karriere gemacht hat. Sie war bestimmt zehnmal beim Klaviersommer mit dabei. Am 20. Juni heuer gibt sie einen Klavierabend. An die hatte ich gedacht, sie hat gesagt, das würde sie sehr gerne machen. Das war also fest ausgemacht. Und dann ist folgendes passiert: Die Sponsoren sind alle abgesprungen. Ein Wasserburger Sponsor, der uns sehr zugetan war und selber in fast jedem Konzert war, fällt wegen der Insolvenz seiner Firma aus. Die Firma Bösendorfer, die uns immer die Flügel gestellt hat, fällt aus. Die Gelder werden einfach überall knapper. Der Klaviersommer war immer alles andere als opulent ausgestattet. Wenn da 5.000 Euro wegfallen, geht’s nicht. Da hat Lei Meng kalte Füße bekommen. Dann habe ich gesagt: Lassen wir den Klaviersommer auslaufen.
Wie haben Sie es geschafft, Harald Schmidt für ein Konzert zu gewinnen?
Er rezitiert ja das Melodram „Hexenlied“ von Max von Schillings und moderiert das endgültige Schlusskonzert. Harald ist ein guter Freund von uns. Er war auch letztes Jahr schon dabei, da hatte ich den Liederabend konzipiert mit Goethe-Gedichten, die von drei verschiedenen Komponisten vertont waren. Wir haben dem Publikum nicht gesagt, wer der Komponist ist. Das Publikum wurde gefragt, welche Vertonung ihnen am besten gefallen hat. Es hat immer die einfachste Vertonung gewählt, die Strophenlied-Vertonung. Den Text hatte Harald Schmid gesprochen, damit die Leute endlich mal das Gedicht selbst kennenlernen.
Herr Kaufmann, wer von den großen Klavierkomponisten ist Ihr „Klaviergott“?
Also, der größte von allen größten ist Bach. Das ist nicht sehr originell (lacht). Von dem geht alles aus.
Vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben.
Vielen Dank Ihnen, es war mir eine Freude. Rainer W. Janka