Herreninsel – Er ist ein Phänomen. Wenn dieser junge Mann die Bratsche streicht, entfesselt er einen schier endlosen Kosmos an Farben und Ausdrücken. Alles ist authentisch und aufrichtig gelebt, keine hohle Show, zutiefst seelenvoll sein Viola-Klang. Dafür wird German Tcakulov allseits geschätzt. Es verwundert nicht, dass bei Tcakulovs Debüt bei den „InselKonzerten“ auf Herrenchiemsee auch Hariolf Schlichtig im Publikum saß. Der in Prien lebende Grandseigneur der Bratsche war sichtlich angetan und bewegt.
Zauber
des Augenblicks
Beim Auftakt der diesjährigen „InselKonzerte“ im Bibliothekssaal des Alten Schlosses wurde man regelrecht Zeuge, wie sich der Zauber des Augenblicks durch das gesamte Programm zog. Das erlebt man nur ganz selten im Konzert. Dabei waren einige Werke dem Stammpublikum der „InselKonzerte“ bestens bekannt. Schon Nils Mönkemeyer und William Youn waren hier mit der „Arpeggione-Sonate“ von Franz Schubert oder mit dem „FAE-Scherzo“ und die Sonate op. 120 Nr. 1 von Johannes Brahms zu hören. Sie hatten einst die schmucke Kammer-Reihe geleitet. Im vorigen Jahr trat Mona Asuka ihre Nachfolge an. Als Bratschisten kennen und schätzen sich Mönkemeyer und Tcakulov. Insofern wirkte allein die Programm-Wahl wie eine Referenz an die Vorgänger von Asuka. Das Ergebnis war allerdings gar nicht zu vergleichen und wirkte wie aus einer anderen Welt. Allein die Intonation Tcakulovs grenzte an Perfektion, geradezu stupend sein technisches Vermögen, absolut unbestechlich seine Musikalität. Hier präsentierte sich nicht einfach ein Musiker, sondern ein echter Künstler. Da wurde Musik buchstäblich verlebendigt, atmosphärisch dicht, hochdramatisch und gleichzeitig mit berührender Melancholie. Deswegen erwuchs in den langsamen Sätzen aus den Sonaten von Schubert und Brahms eine berückend schöne, weltentrückte Poesie ohne Worte. Ein Aha-Erlebnis das tückische „FAE-Scherzo“: In Windeseile wechselte Tcakulov zwischen schroffer Wildheit und verträumtem Schwärmen, ein Hörkrimi allererster Güte. Tcakulov zählt zu den wenigen Bratschisten, die fast vollständig nach der Original-Besetzung für Geige spielen: selbst in den höchsten Tönen. Er ist kein Unbekannter. Seit Oktober 2024 wirkt Tcakulov als Professor am Salzburger Mozarteum. Davor war er Assistent seiner berühmten Lehrmeisterin Tabea Zimmermann und Mitglied im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Mit Asuka am Klavier konnte Tcakulov nicht zuletzt die Klangpoesie wunderbar herausstellen. Sie hat ein feines Gespür für Stimmungen, überaus nuancenreich ihre Agogik.
Die Gambensonate BWV 1029 von Johann Sebastian Bach gestalteten Tcakulov und Asuka aus dem Geist des Tanzes. In den Ecksätzen schärften sie, glasklar artikuliert, die markante Rhythmik. Eine Reflexion über Zeit und Raum wurde der Mittelsatz. Der eigentliche Höhepunkt war jedoch die Solo-Suite Nr. 2 für Bratsche von Max Reger. Es ist ein geradezu teuflisches Werk. Tcakulov hat es geschafft, aus dieser Suite ein dichte, in sich geschlossene Erzählung zu zaubern.
Brahms
als Zugabe
Stürmischer Beifall im Bibliothekssaal: Als Zugabe spielten Tcakulov und Asuka das Wiegenlied „Guten Abend, gut‘ Nacht“ von Brahms. Dieser Auftakt der „InselKonzerte“ war denkwürdig und wird noch lange nachklingen. Am 21. Juni geht es bereits weiter. Im Bibliothekssaal gastiert das aufregende Amelio Trio mit Werken von Joseph Haydn, Charles Ives und Brahms.