Resonanzraum für Irrwege

von Redaktion

Helmut Mühlbacher wirft mit seiner Installation in der Kunstbox Traunstein Fragen auf

Traunstein – Zu einer ungewöhnlichen Erfahrung lädt noch bis 31. Juli die Kunstbox auf dem Dachgarten des Lehmhauses auf dem Campus St. Michael ein. Der Konzeptkünstler Helmut Mühlbacher hat dort eine Rauminszenierung seiner Projektreihe „Wohin werden wir gegangen sein?“ installiert. Allein schon die Frage sorgt bei manchem für Verwirrung, reicht sie doch aus der Zukunft in die Gegenwart hinein.

Auch die Inszenierung hat es in sich. Sie zeigt an drei Wänden Miniaturschuhspuren. Diese scheinen für sich genommen isoliert von anderen in gerader Linie einem Ziel zuzustreben. Im Gesamtbild aber entsteht so der Eindruck eines kreuz und quer verlaufenden Musters, eines Netzes, oder wie es Mühlbacher bei der Eröffnung ausgedrückt hat: „Das hat mich an Schnittmusterbögen meiner Mutter zu Hause erinnert.“

Fußspuren auf
die Wände gestempelt

In stundenlanger Fleißarbeit hat der Traunsteiner die Schuhspuren auf die weißen Wände aufgestempelt und damit einen ganz speziellen Raumeindruck geschaffen. Wer die Kunstbox betritt, spürt über kurz oder lang selbst die bezwingende, beinahe hypnotische Wirkung auf Körper und Geist. Was passiert hier? Die Schritte sind wie Spuren im Schnee. Im Unterschied zu früheren Arbeiten zu diesem Thema, bei denen mehrere Schritte einer Richtung folgen oder geschwungene Muster bilden, ist hier alles geradlinig, zielorientiert und – so hat es den Eindruck – temporeich. Die Spuren führen auch um die Ecke und werden durch den Raumeindruck verstärkt – ein Sinnbild unserer durchorganisierten Gesellschaft mit eng getaktetem Tagesplan.

Alles gut? Das ist die Frage. Wer die Schrittmuster länger auf sich wirken lässt, der kann sich eines gewissen Unbehagens nicht erwehren. Hier ist kein Raum für Ungeplantes, Unvorhergesehenes, für Tagträumereien, Um- und Abwege oder die eine oder andere kreative Idee. Alles ist auf Effizienz und Zielorientiertheit getrimmt. Schwarz und Weiß. Zack zack!

Und doch entsteht so der Eindruck eines riesigen Durcheinanders, von Orientierungslosigkeit, Isoliertheit, Eintönigkeit, vielleicht sogar Ausweglosigkeit. Die so zielorientiert wirkenden Spuren laufen ins Nichts. Die scheinbare Ordnung erweist sich als Illusion. Kommunikation, Absprache? Fehlanzeige! Wohin führen diese ganzen Wege? Mühlbacher lässt es bewusst offen.

Noch verrückter wirkt dieser Trubel, der an die Situation auf dem belebten Gehweg einer Großstadt erinnert, wenn man einen Schritt nach draußen tritt. Aus der Kunstbox hinein ins pralle Leben des wunderbar ergrünten Dachgartens. Farben, Pflanzen, Düfte und Entschleunigung pur. Der Unterschied ist greifbar.

Die Schuhspuren sind auch aus einem anderen Grund interessant. Als Signet oder Logo geben sie in Gefahrensituationen wie bei Baustellen oder bei besonderen Raumkonstellationen in der Öffentlichkeit zuweilen sichere Marschrouten oder abgegrenzte Wege vor. Bei der Ausstellung des Kunstvereins Traunstein 2020 auf der Burg in Tittmoning brachte Mühlbacher mit einem Kollegen während der Corona-Pandemie grüne Fußspuren auf dem Boden an. Damit markierte er den erforderlichen Sicherheitsabstand von 1,50 Meter. Unter anderem aus dieser Erfahrung entstand die Projektreihe „Wohin werden wir gegangen sein?“.

Diskussion mit
dem Publikum

Bei einer Diskussion mit dem Publikum zur Eröffnung der Ausstellung ergaben sich weitere interessante Fragestellungen. Etwa, ob damit auch geomantische Linien gemeint seien (nein), ob Anklänge an den ökologischen Fußabdruck oder Einsamkeitserfahrungen thematisiert wurden oder ob auch die Bestempelung der Decke und des Fußbodens angedacht waren (nein). Mühlbacher: „Ich wollte einen Resonanzraum für offene Fragestellungen, aber ohne dystopische Perspektive schaffen.“ Im Herbst geht das Projekt weiter. Dann präsentiert Mühlbacher die Fußspuren auf mehreren, hintereinandergelegten Bahnen aus halbtransparentem Papier im Kunstverein Traunstein und in der Münchner Galerie Sandkasten.

Bis 31. Juli

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