Grassau – Vor seinen Konzerten nimmt Marko Sevarlic gerne Kontakt mit dem Publikum auf. Diesmal verblüfft er die Zuhörer mit der Frage „Wer hat schon einmal etwas vom semimikrotonalen Akkordeon gehört?“ Als er in lauter ratlose Gesichter blickt, scheint er nicht überrascht zu sein, selbst diejenigen, die im Oktober den Meister der zahllosen Knöpfe am chromatischen Akkordeon schon einmal in der Villa gehört hatten, wissen darauf keine Antwort. Damit hat er offenbar gerechnet und verspricht sofort, an diesem Abend nicht nur besondere Musik zu bieten, sondern auch die Wissenslücken seines Publikums ausführlich füllen zu wollen. Als heiter formulierte Vorwarnung war das gedacht und weil Inaki Alberdi, der zweite Mann des Konzertabends, sich mit den listigen Ansagen seines Kollegen auskennt, ergreift er spontan die musikalische Initiative.
Sein beeindruckendes Instrument, ob semimikrotonal oder nicht bleibt ungeklärt, füllt urplötzlich den Saal mit orgeltiefen Basstönen, lang anhaltend und machtvoll, um dann plötzlich zwei Oktaven höher und mit lebhaften Sechzehnteln auf- und abzuschwirren. Melodisches der üblichen Art ist allenfalls in Andeutungen zu hören, eher sind da improvisiert klingende, aber wohl doch geplante Tonfolgen zu hören, immer wieder wechselnd beim Tempo und der Dynamik, gebunden in ein Taktgerüst, das den ganzen Abend über Halt gibt. Vom ersten Moment an ist das Publikum gebannt und gefordert, gerade weil sich die beiden Virtuosen in ihren Soli nach einer bestimmten Taktzahl immer wieder abwechseln, ist die Spannung spürbar: Was kommt jetzt? Bleibt es bei dieser Energie und verschonen sie uns mit Disharmonien? Das tun sie, und trotzdem lassen sie ihrem Publikum keinen Moment zum entspannten Zurücklehnen, der Saal vibriert vor Aufmerksamkeit.
Bis zur Pause gab es zwei solche Solo-Blöcke im Wechsel und immer war es Musik vom jungen und sehr produktiven polnischen Komponisten Mikolaj Majkusiak. Einer der wenigen Kreativen der Neuen Musik, der das Akkordeon als virtuoses Instrument begreift und entsprechend viele Konzerte komponiert hat. Marko Sevarlic weiß zwischen den Musikblöcken einiges über ihn und seine Musik zu erzählen, auch was das bisher gehörte und der Konzerttitel „Pandoras Box“ gemeinsam haben. Ganz nebenbei demonstriert er, was ein semimikrotonales Akkordeon können sollte und lässt eine Leiter von Vierteltönen aus seinem Instrument perlen, wie man sie hier noch nicht gehört hatte. Eine Oktave fast ohne Ende und im Klang wie aus Arabiens Nächten. Diese gekonnte Mischung aus Konzert und unterhaltsamen Vortrag animiert das Publikum zu spontanem Zwischenapplaus, offenbar wird ihm klar, dass ein Akkordeon dieses Formats Möglichkeiten bietet, die mit dem bisher Vertrauten nur wenig zu tun haben.
Vorausgesetzt, es ist in den Händen solcher Stars wie an diesem Abend. Nach der Pause spielen Inaki und Marko nicht mehr abwechselnd als Solisten, sondern von nun an als Duo, und dies auf eine ungewohnt experimentelle Weise. Die Basis sind, so erklärt es Marko, eine Auswahl aus zwölf gleich langen musikalischen Sätzen von Mikolaj Majkusiak, offenbar von verwandter Struktur und gleicher Länge, wobei jeder im Duo einen anderen Satz spielt und so etwas völlig Neues und dabei überraschend Harmonisches entsteht.
Verblüffend, vielleicht aber auch notwendig, ist bei jedem Satz der abrupte Schluss, „als ob jemand den Stecker zieht“, wie mein Sitznachbar kennerhaft anmerkt.
„Alles ist möglich“ hatte Inaki Alberdi zuvor als Ansage formuliert, und wie zum Beweis dafür lässt er am Schluss des Abends das Publikum für ein spontanes Duo zwei Nummern aus den zwölf Sätzen wählen, „die wir ganz sicher noch nie zusammen gespielt haben“. Selbst arrangierte experimentelle Musik – das Publikum belohnte sich und die beiden großartigen Musiker mit langem und ehrlichem Applaus für einen besonderen Konzertabend. bov