Litt Mozart am Tourette-Syndrom?

von Redaktion

Ein musikalischer LSD-Trip – Konzertlesung über „Genie und Wahnsinn“ im Künstlerhof

Rosenheim – Die einen vielen versammelten sich am Ludwigsplatz zum Fußballschauen, die anderen wenigen im Künstlerhof, um einer Konzertlesung zum Thema „Genie und Wahnsinn“ zu lauschen. Es las Michael Atzinger, einst Musikmoderator im Bayerischen Rundfunk, es spielte die Pianistin Yume Hanusch: ein Duo, das erfolgreich schon viele Konzertlesungen gemacht hat. Hanusch spielte kraftvoll-drängend, wovon Atzinger eindringlich sprach, Musik und Text verschränkten sich.

„Man muss jeden Ton lieben“, zitierte Atzinger den estnischen Komponisten Arvo Pärt und Yume Hanusch ließ mit dessen Stück „Für Alina“ hören, was Pärt den „Tintinnabuli“-Stil, den Glöckchen-Stil, nannte: die Reduktion des Klangmaterials auf das absolut Wesentliche. Aus den Mozart-Briefen las Atzinger Stellen, die Mozarts Koprolalie erkennen ließen, die Vorliebe für Fäkalsprache. Litt dieser etwa am Tourette-Syndrom, wie ein Mozart-Biograf vermutet? Hanuschs Geschwind-Spiel im Allegro der F-Dur-Sonate KV 332 könnte diese Vermutung stärken. Sergej Rachmaninow, „der russische Meister der Traurigkeit“, so Atzinger, musste psychologische Hilfe in Anspruch nehmen: „Klavierspielen hilft gegen Depressionen, Komponieren verstärkt sie“, zitierte Atzinger ihn. Ganz und gar nicht depressiv war das Spiel von Yume Hanusch in der Élégie op. 3/1.

Dann las Atzinger aus einem Roman die Episode, wie der junge Komponist Hans Rott von Johannes Brahms in einer Beurteilung grausam vernichtet wurde: Er verfiel dem Wahnsinn und starb jung. „Zur Strafe“ gab’s Brahms‘ Ballade op. 10/1, in der Hanusch tief in diesen balladesken Düsterton eintauchte.

Bekannt ist Beethovens Verzweiflung über seine Taubheit – die schlimmstmögliche Krankheit für einen Musiker. Als Trost spielte Yume Hanusch zwei Sätze aus der berühmten „Mondschein-Sonate“: den zauberhaften ersten und den verzweifelt-rasenden Finalsatz. Die „Geister-Variationen“ waren das Anzeichen für den beginnenden Wahnsinn von Robert Schumann, im Spiel klangen sie eher wehmütig. Dann begann die Pianistin, ihr Klavier zu „präparieren“: Sie klemmte alles Mögliche, darunter Wäscheklammern“, an die Klaviersaiten für „A Room“ von John Cage. Es sei eine verstörende und bewusstseinserweiternde Musik voller Beklemmung, gleichsam ein musikalischer LSD-Trip, meinte Atzinger zu dieser Minimal Music, die Hanusch in beklemmender Intensität vortrug.

Der schwedische Dichter Lars Gustafsson hat ein Gedicht über die Musik von Bach geschrieben, mit dem Titel „Die Stille der Welt vor Bach“: In großer Ruhe erklang dazu das Largo aus dem f-Moll-Klavierkonzert. „Hören Sie die Stille – Chopin schreibt mit der Stille!“ zitierte Atzinger aus einem Roman über Chopins Musik, die laut Atzinger aus Heimweh und Krankheit bestehe. Ein Beweis dafür war das glänzend gespielte Fantaisie-Impromptu op. 66.

Weil sowohl das Publikum als auch die Pianistin und der Sprecher ergriffen waren vom Gespielten und Gesagten, gab’s als Zugabe noch Schuberts Lied „An die Musik“ in der Bearbeitung durch Liszt.

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