Amerang – Seit 50 Jahren beleben die Konzerte des „Musiksommers zwischen Inn und Salzach“ die Region. Erheblich jünger ist der Chor „Allegro con brio“, den Judith Trifellner vor fünf Jahren gegründet hat. Dieses Vokalensemble wurde von ihr zu einem Klangkörper geformt, bei dem selbst altbekannte Lieblinge wie Mendelssohn Bartholdys „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ frisch poliert, transparent und schwebend leicht klingen. Das war Chormusik hautnah!
Gleich zu Beginn stand die hohe Messlatte fest: Der Chor lud den 100. Psalm von Mendelssohn mit großer innerer Spannung auf und ließ Klänge und Text („Jauchzet dem Herrn alle Welt“) wie ein leuchtendes Feuerwerk in den Raum der Ameranger Pfarrkirche aufsteigen. Und der zweite Programmpunkt? Das Gleiche noch einmal, und doch ganz anders: Heinrich Schütz intensivierte diesen Psalm durch Doppelchörigkeit. Auf der Empore waren die Solosänger postiert, die sich mit dem Vokalensemble ein akustisches Ping-Pong-Spiel lieferten.
Sie gingen ganz auf das Temperament des Chors ein. Es war ein gegenseitiges Beflügeln – so aufregend kann geistliche Chormusik klingen! Es wurden namhafte Künstler aufgeboten: Sopranistin Christina Gerstberger, Altistin Monika Wäckerle, Alt, Tenor Bernhard Berchthold und Bass Thomas Hamberger.
In der Arie „Domine Deus“ von Johann Sebastian Bach ließ Thomas Hamberger seine Stimme dunkel leuchten, mächtig und suggestiv. Monika Wäckerle mit kräftig tönendem Alt und Bernhard Berchthold mit geschmeidig artikulierendem Tenor sangen fordernd „Du musst glauben, du musst hoffen“. Und schließlich gab’s eine ganz diesseitig getönte fröhliche Arie, diesmal aus Händels Messias, „Rejoice“. Christina Gerstberger meisterte diese Musik mit schwingendem Charme und subtil zupackendem Sopran. Die Arien wurden von Michael Kapsner auf der Orgel begleitet.
Die Orgel gilt als „Königin der Instrumente“. In Amerang war es eine ländliche „Königin“, die Michael Kapsner, der als Professor an der Franz-Liszt-Musikhochschule in Weimar wirkte, gewisse Widerstände in den Weg legte. Die Orgel vor Ort sagte alles „gradraus“ – sie klang zu laut, und die Farben der Register waren farblich sehr direkt. Für Kapsners ausladende Toccata, welche seine schöne, schwungvolle und attraktive Komposition „Regina coeli“ abrunden sollte, hätte man sich ein anderes Instrument gewünscht. Denn mit der klanglichen Differenziertheit von Vokalensemble und Solisten konnte das wackere Instrument leider nicht mithalten.
Mit dem vorletzten Chorwerk „Cantate Domino“ des lettischen Komponisten Vytautas Miskinis (Jahrgang 1954) übertraf sich Trifellners Sängerschar selbst. Die impulsiv farbigen Klänge, dicht übereinander geschichtet, drückten tiefe Freude aus, im jubelnden Fortissimo ebenso wie auch im zart verschleierten Piano. Am Schluss großer Beifall und Blumen für die Chorleiterin, den Komponisten und Organisten Michael Kapsner und für alle Sänger. Walter Prokop