Rosenheim – Drastische Bildsprache, Mythen und Magie kennzeichnen den Stil von handgemalten Filmplakaten aus Ghana. Sie zeigen den Kampf Gut gegen Böse, übersteigern mit ihrer Visualisierung und sind eine kunstvolle Kommunikationsform. Aktuell sind über 100 Plakate in Rosenheim zu sehen – die OVB-Heimatzeitungen haben dem Sammler Dr. Wolfgang Stäbler und Monika Hauser, Leiterin der Städtischen Galerie, einige Fragen dazu gestellt.
Herr Dr. Stäbler, ghanaische Filmplakate sind in Deutschland eher selten zu sehen. Wie entstand Ihre Leidenschaft für dieses besondere Sammelgebiet?
Dr. Wolfgang Stäbler: Es fing ganz harmlos an: In den frühen 1980er-Jahren sah ich im Handel eine kleine Bronzefigur aus Ghana, die mir gut gefiel. Ich kaufte sie und wollte dann mehr über afrikanische Kunst und Kultur wissen. Aus diesem Interesse entwickelte sich eine Sammelleidenschaft, die sich auch auf anderen Gebieten zu einer besonderen Vorliebe für Afrika auswuchs. Inzwischen haben meine Frau und ich über 20 afrikanische Länder bereist, und natürlich war auf der Rückfahrt das Gepäck stets gut gefüllt mit neuen Stücken für die Sammlung. Als wir mit unseren Kindern die Jahrtausendwende in Ghana verbrachten, fielen mir die vielen handgemalten Werbetafeln und -plakate an den Straßen auf und ich ließ mich zum Spaß von einem der Maler porträtieren. Wenig später kaufte ich mein erstes Filmplakat, „Kasalama, the Slave Merchant“, und hing es in mein Büro. Die Sammlung wuchs im Lauf der Jahre ständig an und umfasst heute über 500 Plakate.
Was hat Sie an der speziellen Ästhetik der Plakate fasziniert?
Dr. Stäbler: Großformatige gemalte Filmwerbung war früher auch bei uns gang und gäbe: Das Kino am Sendlinger-Tor-Platz in München, das 2025 schloss, verwendete sie bis zuletzt. In Ghana wurde sie aber zu einer eigenständigen Form der Gebrauchskunst fortentwickelt. Darin vermischt sich der Wunsch, die auf Videokassetten- und DVD-Covers gesehenen Motive zu reproduzieren, mit fantasievollen Ergänzungen der Maler, oft mit Motiven der traditionellen Glaubenswelt. Mich fasziniert an diesen Plakaten das Zusammenspiel aus Farbigkeit, das an die afrikanische Vorliebe für bunte Kleidung erinnert, mit der Bandbreite der Darstellung, sowohl inhaltlich wie formal. Auch entdeckt man gerade in den Plakaten zu afrikanischen Filmen viele Elemente, die man als Interessierter an afrikanischer Kunst und Kultur auch von Skulpturen und Kultgegenständen her kennt.
Wie kann man sich das Aufspüren und Erwerben der Plakate in der Praxis vorstellen?
Dr. Stäbler: Das ist natürlich die reinste Detektivarbeit, will man nicht am hochpreisigen Kunstmarkt kaufen. Seit einigen Jahren sind so gut wie alle kleinen Kinos in Ghana geschlossen und man braucht viel Geduld und Glück, um vor Ort noch originale Stücke zu finden. Hilfreich beim Sammlungsaufbau war, dass wir Freunde in Ghana haben. Inzwischen haben meine Frau und ich mehrere der Filmverleiher und Maler persönlich kennengelernt und zuletzt im April besucht. Daraus ergaben sich nicht nur sehr nette Kontakte, sondern es führte nahezu zwangsläufig zu einer Erweiterung der Sammlung.
Welche Motive begegnen den Besuchern in der Ausstellung?
Dr. Stäbler: Die Motive sind so unterschiedlich wie die beworbenen Filme: Arnold Schwarzenegger begegnet uns als Terminator ebenso wie James Bond oder E.T., aber oft in recht verfremdeter Gestaltung. In Plakaten zu afrikanischen Filmen tauchen Götterwesen, Geister und Zauberer auf. Viele der Darstellungen sind brutal und überzeichnet – so hoffte man, mehr Publikum anzulocken, auch wenn die Filminhalte wesentlich gemäßigter waren. Es ist also keine leichte Kost – dessen sollte man sich bewusst sein.
Gibt es ein Plakat in Ihrer Sammlung, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Dr. Stäbler: Das ist wie die Frage nach dem Lieblingskind… Besonders schätze ich „Deadly Prey“, hervorragend gemalt, aber halt recht brutal. Wesentlich entspannter ist da das Plakat zu „Glamour Girls“, einem nigerianischen Film von 1994. Andererseits liegen mir gerade auch die sehr schlicht gestalteten Plakate am Herzen wie „My Bible“ mit einem tanzenden Skelett mit Mikrofon in der Hand – humorvolle Art Brut.
Frau Hauser, wie kam die Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Stäbler und die Idee für diese Ausstellung zustande?
Monika Hauser: Dafür müssen wir tatsächlich ein gutes Stück in der Zeit zurückreisen, ins Jahr 2011. Ich habe damals in der Pinakothek der Moderne in München die Ausstellung „Deadly and Brutal. Filmplakate aus Ghana“ besucht und war nachhaltig beeindruckt von der handwerklichen Machart und dieser enormen Vielfalt. Als ich im Begleittext las, dass die Plakate aus der Sammlung von Dr. Stäbler stammen, dachte ich mir: Der Name sagt mir doch was! Wir standen durch die Arbeit von Herrn Dr. Stäbler in der „Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern“ bereits in gutem Kontakt. Ich habe den direkten Draht genutzt und ihn auf die Sammlung angesprochen und den Wunsch nach einer Ausstellung bei uns in der Städtischen Galerie geäußert. Über die Jahre wurden die Pläne immer konkreter, und jetzt ist es endlich so weit.
Was erhoffen Sie sich von der Ausstellung?
Monika Hauser: Ich wünsche mir, dass die Ausstellung dazu beiträgt, unseren eurozentristischen Blick aufzubrechen. Oft wird in Europa sehr pauschal über Afrika gesprochen, dabei ist Afrika der zweitgrößte Kontinent der Erde mit über 50 Ländern. Wir sind es gewohnt, auf Kunst und Gestaltung durch eine westliche Brille zu schauen. Diese Ausstellung erinnert uns daran, dass Kreativität, Bildsprache und künstlerische Qualität nicht an europäischen Maßstäben gemessen werden müssen. Die handgemalten Filmplakate aus Ghana schaffen Sichtbarkeit für eine besondere Form des Kunsthandwerks und zeigen, welche Wirkung plakative Übertreibungen erzeugen können. Diese Plakate transportieren so viel: Spannung, große Gefühle, Trauer, Dramatik, aber auch jede Menge Humor. Manche der gezeigten Filme werden den Besucherinnen und Besuchern erst einmal bekannt vorkommen. Umso überraschender ist dann die Art und Weise, wie sie auf den Plakaten dargestellt werden.
Herr Dr. Stäbler, worauf sollten Besucherinnen und Besucher beim Rundgang besonders achten?
Dr. Stäbler: Es werden neben den Plakaten Fotos zu sehen sein, welche Kinos und gemalte Werbung in Westafrika in ihrem Kontext zeigen, auch kann man ein Gespräch mit einem der Plakatmaler verfolgen. Neben dem Betrachten der eigentlichen Ausstellungsgegenstände kann man sich so auch zu ihrem Umfeld und ihren Schöpfern informieren. Wichtig wäre mir, dass man die Plakate nicht nur als exotische oder skurrile Objekte wahrnimmt, sondern als Ausdruck eines speziellen Kunsthandwerks, das aufgrund neuer technischer Gegebenheiten am Verschwinden ist.
Frau Hauser, warum passt diese Ausstellung gerade nach Rosenheim?
Hauser: Ganz klar, weil der direkte Bezug zu Herrn Dr. Stäbler besteht. Zudem passt die Ausstellung auch hervorragend zur aktuellen, zeitgleich im Stadtgebiet stattfindenden Veranstaltung *transit art. Beide Projekte beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit dem öffentlichen Raum und mit Formen der Kommunikation im Außenraum. Dadurch entsteht ein spannender Dialog zwischen Innen und Außen.
Herr Dr. Stäbler, was wünschen Sie sich, was die Menschen nach dem Besuch mit nach Hause nehmen?
Dr. Stäbler: Bitte keines der Plakate! Aber im Ernst: Es wäre schön, wenn die Ausstellung den Anstoß gäbe, sich offen und neugierig mit Afrika, seinen Menschen und durchaus differenzierten Kulturen zu beschäftigen – nicht immer nur vor dem Hintergrund von Problemen und Krisen. Gelegenheit dazu bietet sicher auch das Afrikafest, das als Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung in der Galerie stattfinden wird.
Interview:
Andreas Friedrich