Die Bedeutung der Worte

von Redaktion

Flávio Cury, Albert Coers und Günther Nosch zeigen Arbeiten in der Galerie Markt Bruckmühl

Bruckmühl – Gleich das Erdgeschoss der Galerie Markt Bruckmühl gibt einen trefflichen Einblick in die Gedankenwelt der drei Künstler Flávio Cury, Albert Coers und Günther Nosch, denn jeder ist hier mit einem größeren Werk vertreten. Die neue Ausstellung „WOrte“ beschäftigt sich mit dem Wesen der Worte und damit, welche Bedeutung Worte in unserem Leben haben.

Wie man durch Ersetzen eines Buchstaben einen völlig anderen Sinn erzeugen kann, zeigt im Eingangsbereich die konkrete Poesie von Nosch. Das Grundwort ist „W rte“, einzusetzen sind, daneben auf die Wand appliziert, die Buchstaben „e“, „o“ oder „a“. Das ergibt entweder „Werte“, „Worte“ oder „Warte“. Drei unterschiedliche Sinninhalte also, die es zu reflektieren gilt.

Kunst benötigt Dinge

Darunter steht eine Vitrine mit Gegenständen, alle penibel sauber gereinigt, und mit exakten Erläuterungen versehen. Der Bezug zwischen Ding und Wort ist dadurch hergestellt. Der Hals der ausgequetschten Farbtube nennt sich in der Künstlersprache – Erfindung von Nosch – „Minimal“ und weist als Fundstück aus einem Atelier darauf hin, dass Kunst „Dinge“ benötigt. Die Vitrine beinhaltet ein kleines, aber feines Panoptikum mit gebrauchten Gegenständen aus der Malerei, nach Duden-Manier aufgelistet, eine narrative und dingliche Darstellung. Weil all diese Dinge schon einmal über dem Mülleimer schwebten, dann aber nach gründlicher Reinigung ihren Weg in die Vitrine fanden, besitzt diese Installation auch einen Anflug von Ironie.

Im kleineren Raum des Erdgeschosses hängt eine Präsentation von Albert Coers, der gerne installativ mit Fundstücken arbeitet. In diesem Falle brauchte er nicht weit zu gehen, er hat Merian-Hefte seines Vaters, die mit den dunkelgrünen Umschlägen eines Lesezirkels versehen sind, an der Wand angebracht. Da man den Inhalt wegen der Schutzhülle nicht erkennen kann, hat der Vater sie mit Filzstiften beschriftet – 127 Hefte, alphabetisch geordnet. Äthiopien, Algarve, Andalusien: Hier sind die Worte Träger von Erinnerungen, von Träumen unbekannter, nicht erreichbarer Sehnsuchtsorte. Der zweite Aspekt dieser Installation ist, dass die Hefte auf der Wand wie Landkarten angeordnet sind.

Der große Raum des Erdgeschosses wurde von dem Brasilianer Flávio Cury gestaltet. Über eine weiße Wand, einer Tafel gleich, bewegen sich insektenähnlich anmutende Gebilde, auf unsichtbaren Linien gerade aufgereiht. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als aneinanderhaftende Eisenspäne. Durch versteckt angebrachte Magneten bewegen sie sich tafelaufwärts, um, oben angekommen, durch nachlassende Magnetkraft wieder herunterzurutschen. Begleitet wird diese Installation durch Musik und durch eine Ansage. Die Stimme erläutert uns, wie viele Kriege die Vereinigten Staaten seit 1798 als Aggressor angezettelt haben. Eine mächtige stählerne Skulptur, deren einzelne, durcheinandergewirbelte Großbuchstaben das Wort „Schrei“ bilden, liefert ihre Bestätigung.

Im ersten Stockwerk der Galerie glaubt man bereits, die Handschrift eines jeden der drei Künstler zu erkennen. Albert Coers hat Tafeln aufgestellt, auf denen fotografierte Porträts zu sehen sind. In strenger SchwarzWeiß-Fotografie im Bild festgehalten, artikulieren sich diese Personen mit den Gesten der Gebärdensprache, auch ein Aspekt des Wortes als Medium. Speziell für Bruckmühl gibt es die Zeichen für Müller oder Mühle.

Günther Nosch zeigt, abermals in einer Vitrine, mit Poesie beschriftete Teller – story-teller – wie auch Scherben eines Porzellangefäßes. Hier kann man sinngebende Wörter zusammenstellen.

„Was ist eigentlich ein
schwaches Verb“?

Flávio Cury erläutert in einer dreiteiligen Installation sein Verständnis von schwachen Verben, eine schlaff aufgerichtete Gummimatte steht im Raum und provoziert die Frage: „Was ist eigentlich ein schwaches Verb?“

Im Dachgeschoss kommt jeder der drei Künstler noch einmal „zu Wort“. Erwähnt sei die Arbeit von Nosch mit dem Titel „Ant-Wort“. Ein Spiegel mit Goldrahmen, darauf geklebt die samtigen, senkrecht geteilten Buchstaben des Wortes „Wort“. Die Spiegelung macht diese halben Chiffren zu einem ganzen Wort. Die Arbeit erinnert an das Buch „Alice hinter den Spiegeln“: Der Spiegel führt uns in eine Parallelwelt, in eine reflektierte Version der uns bekannten. Es ist eine Ausstellung von hohem intellektuellen und ästhetischen Anspruch – und unterhaltsam ist sie auch.

Bis 19. Juli

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