Ester und Esterndorf im Osten?

von Redaktion

Rosenheim – Manchmal gibt es immerhin noch Sagen und Märchen, in und mit denen ein Ortsname erklärt wird, für den es keine bisher unumstrittene Deutung gibt. Dazu gehört etwa die Sage um den Grafen Chiemo, der dem Dorf Chieming und, dadurch bedingt, dem gesamten Chiemgau seinen Namen gegeben haben soll. Für den Weiler Ester in der Gemeinde Großkarolinenfeld gibt es nicht einmal eine Sage für die Namenserklärung: Laut Stefan Schmelcher, dem Inhaber der Spenglerei Schmelcher in Ester, ist nicht bekannt, woher der Name kommt und was er bedeutet. Dabei ist Ester eine Ortschaft, die rundum und weithin bestens versorgt wird:

Sie liegt in der Gemeinde Großkarolinenfeld, vormals – bis 1978 – in der Gemeinde Tattenhausen, der Telefonanschluss gehört zum Ortsnetz Tuntenhausen, kirchlich gehört Ester ebenfalls zu Tuntenhausen, aber das Wasser kommt aus Bad Aibling. Typische Kennzeichen eines Grenzortes, so Stefan Schmelcher. Die Aussprache erfolgt beim E mit langem und geschlossenem E wie beim Vornamen Emil. Ob das früher anders war? Auf jeden Fall könnte man den Namen Ester mit dem Ortsnamen Esterndorf vergleichen, der im Landkreis Miesbach einmal, im Landkreis Ebersberg gleich dreimal vorhanden ist. Und egal, ob in den Gemeinden Holzolling, Emmering, Oberpframmern und Baiern: Der Ortsname Esterndorf geht stets auf das „östlich gelegene Dorf“ zurück. Über die mittelalterlichen Formen Osterndorf, Österndorf und frühneuzeitlich Esterndorf kam der heutige Name zustande.

Verantwortlich hierfür war die Umlautung des O zu Ö und danach die sogenannte Entrundung des Ö zu E. Das Bestimmungswort, ursprünglich osteren, osterin, ostirn = östlich gelegen, wandelte sich per i-Umlaut zu „esteren“, „estern“. Könnte man daher für Ester eine ähnliche Entwicklung ansetzen?

Eine Umlautung wäre sicherlich nicht auszuschließen, aber ein einziger Buchstabe steht gegen eine Umlautung von „osterin“ zu „ester“ an: Das N in EsterNdorf! Es heißt „Ester“, nicht: „Estern“. Zudem fehlt ein Grundwort wie -dorf oder -heim. Die Lösung kann daher – muss aber nicht unbedingt! – so lauten: Im Namen Ester ist das Grundwort ein „Ter“ und das Bestimmungswort ein „Es“.

Die Bestätigung für diese Annahme kann durch den Eintrag „Das, der Eßter“ im Bayerischen Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestätigt werden. Er lautet: „Fallthor am Fahrweg durch einen geschloßnen Feldbezirk (Esch)“. Schmeller zeigt außerdem die Schreibvariante „Est gatter“ und nennt eine Textstelle: „Von dem ester herab von Pfaffsteten bis in die wis“.

Bartholomäus Eberl erklärt den Sachverhalt ähnlich wie Schmeller: „Es“ in Ester ist die „Esch, Oesch (Umlaut!) = Saat, Saatfeld, Dorfflur. (…) Das Oeschland war durch den Oeschzaun gegen das Allmendeland abgeschlossen. Oeschtor = Oesch(zaun)tor wird oft Ester, ein Name, der auch für den Oeschzaun überhaupt gebraucht wird“. „Ester“ scheint geklärt zu sein; sollen wir jetzt aber „Öschter“ sagen? Armin Höfer

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