Exilliteratur in grandioser Verdichtung und Vertonung

von Redaktion

Auftakt der 20. Wasserburger Theatertage mit Udo Samel und Stefan Litwin

Wasserburg – Die bayerischen Privattheater treffen sich derzeit wieder im Theater Wasserburg. Wie erwartet war der Eröffnungsabend der Theatertage mit Udo Samel ein leuchtender Fixpunkt. Klavierprofessor Stefan Litwin sorgte für die passende musikalische Begleitung zu Samels Lesung aus dem Roman „Die Wenigen und die Vielen“ von Hans Sahl.

„Die Wenigen und die Vielen“ ist der einzige Roman von Hans Sahl. Dennoch zählt die autobiografische Erzählung des im Jahr 1933 emigrierten Literatur-, Film- und Theaterkritikers zu den bedeutendsten Werken in der deutschsprachigen Exilliteratur. Im Mittelpunkt der Romanhandlung steht der Schriftsteller Georg Kobbe. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft und politischen Haltung muss Kobbe vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen. Seine Flucht führt ihn durch mehrere europäische Länder. Nach Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz kann er endlich in die USA emigrieren. Kobbe erlebt dabei die permanente Unsicherheit eines Geflüchteten. Verfolgung, Isolation, Armut und die ständige Angst vor Verrat oder Auslieferung beherrschen sein Leben. Auch nach der Ankunft in New York findet Kobbe keine innere Ruhe. Er bleibt ein Exilant. Kobbe reflektiert intensiv über seine Rolle als Intellektueller in einer Zeit politischer Gewalt. Er sucht nach Antworten auf die Frage, ob und wie Kunst und Literatur in einer entmenschlichten Welt noch Bestand haben können. Dabei begegnet er vielen anderen Emigranten. Sie alle reagieren unterschiedlich auf die politische Katastrophe in Europa. Die Gegensätze zwischen „den Wenigen“ – also die, die Widerstand leisten – und „den Vielen“ – jenen die sich anpassen oder schweigend mitlaufen – werden dabei deutlich.

Traditionell wurden die 20. Theatertage bereits zum 20. Mal in Folge durch den Schauspieler, Sprecher und Regisseur Udo Samel eröffnet. Die klug ausgewählten Szenen und Passagen der Romanvorlage machten die Geschichte von Georg Kobbe, seiner Zeit und seiner Lebensumstände hörbar, ein fortwährendes Dasein zwischen Hoffnung, Hunger und Vertreibung. Udo Samel erwies sich einmal mehr als grandioser Rezitator. Seine inszenierte Lesung traf ins Mark. Brillant in Sprache und Ausdruck verstand es Samel, die emotional tiefgängigen und zugleich scharfzüngig geschliffenen Texte greifbar und überaus berührend zu vermitteln.

Musikalisch begleitet wurde die Lesung von Stefan Litwin, seines Zeichens Professor für Klavier, Kammermusik und Neue Musik an der Musikhochschule in Saarbrücken. Litwins auswählte Kompositionen mit Werken von Arnold Schönberg und dem Schönbergschüler Hanns Eisler, von Igor Strawinsky, Claude Debussy und vom ihm selbst spannten den musikalischen Bogen zwischen Expressionismus und Neoklassizismus. Die oftmals radial aufgelöste Tonalität führte in expressive, neue Klangwelten, von intensiven Emotionen und Dissonanzen geprägt. Die Erlebniswelt von Hans Sahls Protagonisten Georg Kobbe wurde dabei einmal mehr durch die bewusste Abkehr von traditionellen tonalen Ordnungen atmosphärisch unterstrichen. Ein lang anhaltender Schlussapplaus bescherte dem Publikum zwei Zugaben und eine unterhaltsame Anekdote über den Romanautor selbst. Udo Samel hatte Hans Sahl nämlich noch persönlich gekannt. Wolfgang Janeczka

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