Rosenheim – Viel gute Laune und eine große Bandbreite an musikalischen Stilrichtungen bot das Rosenheimer Jazzfest des Clubs „Le Pirate“ an drei Tagen am „Ölberg“, einem der schönsten Plätze der Stadt. Der Donnerstag begann mit ungewöhnlichen Afrobeats und Fusion-Jazz von Severin Rauchs „Leg Transporter“, gefolgt von der Top-Vokalistin Titilayo Adedokon – im Ohr klingt ihr „Don´t miss me when I´m gone“ noch nach (wir berichteten). Am Freitag zeigte sich das hohe Niveau der ganz jungen Jazzgeneration: die Band „Mangold“ trainierte quasi im „Le Pirate“ bei den monatlichen Jam Sessions, die von Routiniers angeleitet und koordiniert werden. Saxofonist Jakob Hochenrieder, Leo Seidel am Piano, Johannes Gartner (Bass) und Drummer Salem Akwa studieren inzwischen an der Jazzschool München – ihr Auftritt mit einem Mix aus Klassikern und Eigenkompositionen wurde gut aufgenommen. Experimentell und saitenbetont zeigte sich das Trio „Yellowfleet“ aus Innsbruck. Mit viel Druck vom Schlagzeug (Max Schrott) und dem Unterboden des Akustikbasses (Ben Lampert) konnte Christoph Kuntner seine Höhenflüge an der E-Gitarre starten. Zu Beginn noch eher ruhig im Stil eines Peter Green, dann jazzrockig flirrend und schließlich zu Heavy Rock übergehend gestaltete das Trio einen Auftritt, der nach und nach mehr Energieschübe freisetzte, die rhythmische Zugabe war ein Gedicht. Den Samstag gestalteten zwei Formationen, die am ehesten dem konventionellen „Jazz“-Begriff entsprechen. Die Musiker von „Tenor Council“ sind quasi Stammgäste im kleinen Club, mit Besetzung der Spitzenklasse und dem Claus-Raible-Trio als Rhythmusfundament. Darüber improvisierten die Tenorsaxofonisten Claus Koch und Herwig Gradischnig – Jazz vom Feinsten.
Höhepunkt des Festivals war der Auftritt von Altsaxofonist Jesse Davis, ein Urgestein und lebende Jazzhistorie, studiert hatte er noch bei der „Legende“ Ellis Marsalis. Das Claus-Raible-Trio blieb gleich auf der Bühne und spielte quasi durch, immer wieder gelangen tolle Soli und Wechsel zum Sound des Gesamtensembles. Das Quartett interpretierte Kompositionen von Klassikern des Jazz wie Horace Silver und Benny Golson, Davis setzte ein ums andere Mal Akzente mit dem Saxofon, ließ aber der Band ihren Raum auch für rhythmische Passagen und viele tolle Soli. Doch am stärksten umjubelt war das lange und geschickt aufgebaute Stück von Drummer Xaver Hellmeier, der einer der begehrtesten und kreativsten Schlagwerker der Szene ist. Stücke von Thelonious Monk und ein Stilwechsel hin zum Latinjazz mit einem intensiven Bossa begeisterten das Publikum am Ölberg. Sowohl die Jazz-Stammgäste als auch viele Neugierige und spontan Interessierte genossen die Atmosphäre und den Sound, der Jazz in Rosenheim hat sich viele neue Freunde gemacht.