Chiemsee – Wie eine Urgewalt bricht diese Musik herein. Im zweiten Satz „TSIAJ („This Scherzo Is A Joke“)“ ist das wörtlich zu nehmen. Da werden alte Studenten- und Volkslieder aus Amerika scharf gegeneinandergestellt und verfremdet. Bald vereinen sie sich zu einem gänzlich neuen Klang. Im Finalsatz ertönt hingegen plötzlich ein alter christlicher Hymnus. Mit seinem „Piano Trio“ von 1909/10 hat sich Charles Ives selber ein Denkmal gesetzt. In ihm reflektiert der große US-amerikanische Pionier der frühen Moderne seine Studienzeit in Yale.
In der kompromisslosen, packenden, höchst intensiven Ausgestaltung des „Amelio Trio“ bei den „Insel-Konzerten“ wurde hörbar, warum der 1954 verstorbene Ives zu einem zentralen Vorbild für spätere Generationen werden sollte. Da ist die „Polystilistik“ von Alfred Schnittke: Wie in einer scharfkantigen Collage wird Musik aus fremder und eigener Hand zusammengesetzt. Für Schnittke war Ives für diese Collage-Technik das zentrale Vorbild. Neben Ives nannte Schnittke auch Gustav Mahler und den frühen Dmitri Schostakowitsch als Vordenker seiner „Polystilistik“. Wie Ives in seinem frühen Klaviertrio heterogenes Material gleichzeitig erklingen lässt, das wirkt noch heute unerhört kühn.
Im Bibliothekssaal des Alten Schlosses auf der Herreninsel im Chiemsee machte das junge „Amelio Trio“ aus Frankfurt indessen auch hörbar, wie lyrisch und sinnlich die Musik von Ives klingen kann. Inmitten der Urgewalt haben Johanna Schubert (Violine), Merle Geißler (Violoncello) und Philipp Kirchner (Klavier) auch Orte des ruhevollen Lyrismus herausgestellt. Es war mutig und absolut richtig, dass sie dieses kühne Werk mit auf die Insel genommen haben.
Bei den „Insel-Konzerten“ macht sich die avancierte Moderne eher rar. Es ist ein Problem, das leider auch für andere Reihen und Festivals in der Region gilt. Die Angst gilt der Reaktion des Publikums, aber: Beim „Insel-Konzert“ waren die Besucher sichtlich angetan vom Ives-Werk. Angst vor neuer Musik und Moderne? Dieses Klischee wurde nicht bestätigt, ganz im Gegenteil. Das „Insel-Konzert“ war noch dazu sehr gut besucht.
Ein Coup gelang den drei jungen Musikern mit den Werken der Tradition. In ihren hellhörigen Interpretationen klang auch diese Musik ausgesprochen modern. Da spielt Joseph Haydn im Klaviertrio in Es-Dur von 1794/95 in den Ecksätzen mit irritierenden Überraschungseffekten. Im Mittelsatz werden hingegen die klanglichen Möglichkeiten des damaligen Klaviers ganz ausgereizt. Das alles hat das „Amelio Trio“ mit viel Witz und Humor genommen.
Im Klaviertrio Nr. 2 von Johannes Brahms haben die Musiker wiederum das gelebt, was Arnold Schönberg einst „entwickelnde Variation“ nannte. Melodien werden ständig abgewandelt und neu kombiniert. Sie verändern unmerklich ihre Form und Gestalt. Für den Zwölftöner Schönberg war Brahms hierin das zentrale Vorbild. Das „Amelio Trio“ machte deutlich, wie modern Haydn und Brahms sind. Ihr Gastspiel ließ eine zeitlose Moderne erwachsen: absolut spannend und fesselnd! Marco Frei