Die Kunst, nicht den Halt zu verlieren

von Redaktion

„Entglitten“ verwandelt Kontrollverlust in einen poetischen Zirkusabend

Wasserburg – Kriege, Klimakrise, Inflation, gesellschaftliche Spaltung und Rechtsruck: Die Ankündigung des Solostücks „Entglitten“ ließ bei den 20. Wasserburger Theatertagen schwere Kost erwarten. Im Theater Wasserburg zeigte sich indes das Gegenteil. Das SPIEL.WERK Ansbach verwandelte die Krisengefühle der Gegenwart in ein unkonventionelles Theatererlebnis – mit Humor, Artistik und schlichten Mitteln. Knapp eine Stunde lang kommt Lukas Aue vollständig ohne Worte aus. Er erklärt die Ohnmacht angesichts einer unübersichtlichen Gegenwart mitnichten, sondern macht sie körperlich spürbar.

Ein Alltagsgegenstand
verweigert den Dienst

Der zweite Hauptdarsteller ist ein Stuhl. Doch in „Entglitten“ verweigert er seinen Dienst: Er wackelt, verschwindet, taucht wieder auf, widersetzt sich seinem Benutzer und scheint bisweilen sogar zu sprechen. Aus dem Möbelstück wird ein eigensinniger Gegenspieler. Aue versucht, ihn mit Kraft und wachsender Verzweiflung zu bezwingen. Was zunächst wie ein artistischer Zweikampf wirkt, entwickelt sich zur bildhaften Auseinandersetzung mit dem Verlust von Selbstbestimmung. Das Requisit versinnbildlicht dergestalt eine Wirklichkeit, deren Regeln nicht länger verlässlich erscheinen. Erst als der Protagonist seinen Widerstand aufgibt, verändert sich das Kräfteverhältnis. Nunmehr nutzt er jene Gesetzmäßigkeiten, denen er zuvor ausgeliefert war, und wird wieder Herr seiner kleinen Welt.

Lukas Aue, Absolvent der Berliner Zirkusschule „Etage“, verbindet Bodenakrobatik, Pantomime, Jonglage, Tanztheater und Breakdance. Diese Fähigkeiten werden beileibe nicht als bloße Kunststücke vorgeführt, sondern ersetzen die gesprochene Sprache. Akrobatik wird zum Ausdrucksmittel für Überforderung, Kontrollverlust und Selbstfindung. Tranceartige Passagen wechseln mit physischen Auseinandersetzungen. Aues Mimik lässt Verzweiflung zuweilen in Slapstick kippen. Seine Körperkomik beruht auf technischer Beherrschung und Präzision. Ein Sturz ist hier mitnichten nur Pointe, sondern auch Ausdruck des Scheiterns.

Regisseurin Daniela Aue und ihr Team haben die technischen Ebenen eng mit dem Bühnengeschehen verwoben. Licht, Sounddesign, Videoanimationen und Spezialeffekte reagieren augenscheinlich unmittelbar auf Aues Aktionen. Die Abstimmung ist fraglos außergewöhnlich exakt. Gesten treffen auf synchrone Toneinspieler, Schatten verwandeln Gegenstände, Projektionen dringen in den realen Bühnenraum ein. Auch die Musik ist ausgezeichnet gewählt. Bild und Ton erzeugen allenthalben Zustände zwischen Traum, Manege und innerem Ausnahmezustand. Die Audiocollagen verweisen auf gesellschaftliche Überforderung und mediale Reizüberflutung, ohne die Bilder vollends auszudeuten.

Ein klarer Handlungsbogen lässt sich nur schwer bestimmen. „Entglitten“ erzählt weniger eine konkrete Geschichte als eine Wandlung. Der Protagonist verliert den Halt, stemmt sich gegen seine Umwelt, erschöpft sich daran und findet sonach einen anderen Umgang mit den Widerständen. Darin liegt die Stärke des Abends: Das Stück behauptet keineswegs, Lösungen für die großen Krisen zu besitzen. Vielmehr erzählt es davon, wie ein Mensch den Überblick verliert, sich wiederfindet und die Herrschaft über das eigene Leben zurückgewinnt. Aues Figur richtet sich auf, ihre Bewegungen werden selbstbestimmter, die Verzweiflung weicht wachsendem Selbstvertrauen. Resilienz wird als körperlicher Prozess sichtbar. Am Ende gewinnt der Akteur die Oberhand über seinen widerspenstigen Partner – und seine Freude am Leben zurück.

Zirkusgefühl
ohne Zirkuszelt

Die Aufführung versetzt die Zuschauer zurück in jene Faszination, die man als Kind im Zirkus erlebte. Doch „Entglitten“ ist beileibe keine bloße Nummernfolge. Es wirkt wie eine nachgerade intelligente Zirkusnummer, die Artistik, Clownerie, Pantomime, Tanztheater, Bild- und Audioprojektionen, Musik und Poesie zu einer beinahe transzendenten Bühnenerfahrung verbindet. All diese Mittel greifen dergestalt ineinander, dass eine eigenständige Form des Tanztheaters entsteht, die ihre Kunstfertigkeit wohlweislich nie demonstrativ ausstellt.

Die Zuschauer verfolgen das Geschehen gebannt. Selbst Zwischenapplaus bleibt weitgehend aus, weil schlichtweg der Atem stockt. Nach knapp einer Stunde erhält der sichtbar verausgabte Lukas Aue in vier Runden seinen wohlverdienten Beifall. „Entglitten“ erzählt ohne Belehrung von einer überfordernden Gegenwart. Tragikomisch, artistisch und voller Poesie wird daraus eine sehenswerte Geschichte darüber, wie man wieder zu sich selbst findet und Hoffnung zurückgewinnt.

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