Kafkaeske Tanzperformance

von Redaktion

Elle-Kollektiv aus der Ammersee-Region gastierte bei den 20. Theatertagen Wasserburg

Wasserburg – Mitreißende Unterhaltung jenseits gewohnter Theaterkunst bot das Elle-Kollektiv mit dem Stück „Discofox im Dachsbau“ bei den Wasserburger Theatertagen. Die aufregende Kombination aus Schauspiel, Tanz, Musik und Performance basiert auf der unvollendeten Erzählung „Der Bau“ von Franz Kafka, die posthum im Jahr 1928 erschien.

Schauspiel, Tanz, Musik
und Performance

Gegründet wurde das Elle-Kollektiv als interdisziplinäre Theater- und Performance-Gruppe im Jahr 2017 am Ammersee. Initiatoren waren die Regisseurin Elisabeth-Marie Leistikow, der Schauspieler Luis Lüps sowie der Bühnen- und Kostümbildner Louis Panizza. Statt klassischer Theaterproduktion setzte sich das Kollektiv zum Ziel, diverse künstlerische Positionen wie Schauspiel, Tanz, Musik und Performancekunst gemeinsam zu entwickeln und zu vereinen. Auch entstehen die Stücke oft aus der Improvisation heraus.

Elle versteht das Publikum dabei weniger als distanzierte Beobachtende. Vielmehr werden die Zuschauerinnen und Zuschauer zum festen Bestandteil der Bühnenhandlung. Inhaltlich greift das Kollektiv gesellschaftspolitische und existenzielle Themen auf, meist in einer Mischung aus Absurdität, Irritation und poetischer Verdichtung.

„Discofox im Dachsbau“ zeigte beispielhaft die gelungene Verbindung aus einem Werk der Weltliteratur und dessen sprachlicher und körperlicher Transformation in eine Tanz-, Musik- und Rauminstallation. Grundlage bildete Franz Kafkas unvollendete Erzählung „Der Bau“. Der Ich-Erzähler ist ein dachsartiges Wesen, das in einem selbstgegrabenen, unterirdischen Höhlensystem lebt. Er hat es als Schutz- und Rückzugsort perfektioniert und ist obsessiv damit beschäftigt, die Sicherheit seines Refugiums zu überprüfen. Ein Labyrinth soll Eindringlinge abwehren, obwohl es nicht klar ist, ob tatsächlich eine Bedrohung von außen existiert.

Im Verlauf der Geschichte nimmt die Angst immer weiter zu. Das Wesen beginnt, Geräusche und Gefahren zu interpretieren, die möglicherweise nur in seiner Vorstellung existieren. Am Ende bleibt die Unsicherheit, ob der Bau wirklich sicher ist. Angst und Paranoia beherrschen zunehmend das Denken und das Handeln.

Ausdruckstanz
vor Schneekulisse

Jakob Lakner an der Bass-Klarinette sorgte für die musikalische Begleitung. Luis Lüps und Lara Paschke für den Ausdruckstanz im Stück. Gespielt wurde die kafkaeske Tanzperformance vor einer verschneiten Szenerie mit einem Bergpanorama im Hintergrund. Die drei dachsartigen Wesen im Zottelfell und mit leuchtenden Augen erinnerten anfangs unweigerlich an die Spezies der Morlocks, jene lichtempfindlichen, unterirdischen Wesen aus dem Roman „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells. Die gefühlt zunehmende Bedrohung für die Bewohner des Baus wirkte wie ein Katalysator; mehr und mehr wurden Tanz und Handlung vom Parkett in die Sitzreihen des Publikums verlagert. Erst eine vorbeigleitende Skifahrerin, gespielt von Nora Berkmann, sollte für eine willkommene Entspannung beim Publikum sorgen und die erregten „Dachse“ beruhigen. Sie ließen ihr hektisches „Dachsdasein“ hinter sich. Gemeinsam reihten sich die „Dachse“ mit der Skifahrerin zur Schlussperformance ein. Ein ebenso witziger wie ansprechend choreografierter Disco-Line-Dance setzte den Schlusspunkt zu „Discofox im Dachsbau“. Jetzt klärte sich auch der Titel einer sehr gelungenen Inszenierung auf.

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