Eine Mozart-Oper ganz besonders intim

von Redaktion

„Cosí fan tutte“ in einer radikal zeitgenössischen Inszenierung mit nackten Darstellern in der Rosenheimer Vetternwirtschaft

Rosenheim – Mozarts Oper „Cosi fan tutte“ („So machen es alle“) zählt zur Gattung der Opera buffa (scherzhafte Oper), aber die Adressierung „tutte“ bezieht sich nur auf das weibliche Geschlecht. Eine Oper also, die freundlich im Ton, aber gnadenlos in ihrer Botschaft ist. Mozart und sein Textdichter Da Ponte räumen dabei mit allen Illusionen über die Liebe auf.

Worum geht es? Ferrando und Guglielmo sind überzeugt, dass ihnen ihre Verlobten Dorabella und Fiordiligi treu sind. Mit Don Alfonso, der ihnen mit einem Experiment das Gegenteil vorführen will, gehen die Männer eine Wette ein. Doch was als harmloses Spiel beginnt, wird zum grausamen Experiment am offenen Herzen.

In der Rosenheimer Vetternwirtschaft wurde das Spiel mit den Geschlechtern noch weiter auf die Spitze getrieben: Nicht nur war Ferrando mit einer Frauenstimme besetzt, sondern alle sechs Sängerinnen und Sänger waren nackt. Allein die musikalische Leiterin Mika Edel am E-Piano war schwarz gewandet. Auch die Inszenierung blieb nackt – sprich ein leerer Raum, eine schwarze Plane auf dem Boden, keinerlei Requisiten.

Wie wirkt die Nacktheit auf Darstellende und Publikum? War es anfangs reine Neugierde, überwog doch schnell zugegebenermaßen die Lust am Zuhören. Sowohl die Inszenierung als auch die „Performance“ der Darstellenden waren famos. Auch wenn sich die Rezensentin nach wie vor fragt, ob der anfängliche Liebesakt zwischen Don Alfonso (Dominik Frank) und Despina (Joanna Snow) wirklich so realistisch hätte dargestellt werden müssen. Doch schnell geriet dieser anzügliche Einstieg in Vergessenheit, die Sogwirkung der Mozartschen Oper, bei der sich alles um die Suche nach der einen großen Liebe, nach Geld, Macht und Anerkennung dreht, verfehlte nicht ihre Wirkung.

Sopranistin Josephine Herbst glänzte als Fiordiligi, vor allem ihre Erzählung im zweiten Akt von ihren Gewissensbissen war einer der Höhepunkte des Abends. An ihrer Seite überzeugte Lydia Späti als ausdrucksstarke Schwester Dorabella. Die beiden harmonierten stimmlich gut miteinander, ebenso überzeugten solistisch und im gesanglichen Miteinander Sophia Feulner als schwärmerischer Tenor, pardon hier Sopran, und Guglielmo (Bariton Burkhard Kosche) als umtriebiger Freund Ferrandos. Hinreißend sprech-sangen und spielten auch Dominik Frank als Strippenzieher Don Alfonso und Joanna Snow als freche Despina, der eine ausdrucksstarke Vorstellung in ihrem philosophisch angehauchten monologischen Diskurs über die Liebe gelang.

Nach dem missglückten Treuetest springen die Paare bei da Ponte wieder in ihre alten Konstellationen zurück. Bei der Inszenierung in der Vetternwirtschaft endete das Spiel in einer Tragödie – Guglielmo erschießt alle Darsteller und schließlich sich selbst.

Aber eine Opera buffa wäre nicht eine Opera buffa, wenn es kein Happy End gäbe. In der Vetternwirtschaft (er)standen alle Darsteller wieder auf und sangen vom Glück und der Heiterkeit. Dabei zogen sie sich auch wieder ihre Kleider an, derer sie sich während der Ouvertüre im Zuhörerraum zu Beginn der Vorstellung mitten im Publikum sitzend entledigt hatten. Eine Opera buffa im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Publikum wurde dabei Teil des Experiments, denn es wurde nach der Vorstellung gebeten, Fragen für Franks Habilitationsprojekt „Nacktheit im Musiktheater“ zu beantworten. Cosi fan tutte: Hier radikal zeitgenössisch von Dominik Frank inszeniert und von Dramaturgin Sara Wieners in Szene gesetzt, und doch war und blieb es eine Mozart-Oper – nur halt eben ganz intim. Elisabeth Kirchner

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