Wasserburg – „Wenn ich an dich denke, denke ich an all die Dinge, die wir uns nie sagen konnten und nie sagen können.“ Schauspielerin Lucy Wirth vom Spagat-Theater München ist Kim in der Inszenierung von „Blutbuch“ nach dem gleichnamigen Roman von Kim de l‘Horizon im Wasserburger Theater. Über 90 Minuten lang währt der Monolog, eine radikale Suche nach dem eigenen Ich. Es geht um Nähe, um die Hass-Liebe zu Mutter und Großmutter, um Scham, Tabus und Kindheitsmonster.
Spartanisches
Bühnenbild
Da braucht es nicht viel auf der Bühne: Einige Kleidungsstücke und Seile, die lose zu einer Art Baum verknüpft sind, ein Mikrofonständer und eben Kim, hier noch in Unisex-Sportkleidung. Die Stille unterbricht das Telefon, schließlich hört man auf dem Anrufbeantworter eine ältere Dame in Schweizerdeutsch fragen: „Wieso bist du so selten da, wieso bist du so selten da…?“
Die Demenz seiner Großmeer (Großmutter) stößt Kims Suche an. Was ist das Ich? Wo fängt es an? Wo hört es auf? Dabei wird schon beim Spiel auf der Bühne deutlich, dass Kim mehr ist als nur eine Person. Lucy Wirth schlüpft in verschiedenste Kostüme, ein Matrosenkragen symbolisiert Kim als junges Kind, das sich gern am Schrank der Großmutter bedient. Als Kim vor einem imaginären Spiegel im Hochzeitskleid der Großmeer tanzt, spricht Lucy Wirth die Großmeer nach: „Das bleibt aber unser Geheimnis, das sagen wir der Meer nicht.“ Später wird sie sich noch in einen Tüllrock hüllen, der auch als Schleier dient, und weiter im Stück zieht sie sich Bomberjacke und Lederstiefel an.
Eine überzeugend inszenierte Suche: Nicht nur dank der Kostüme, der Requisiten (die Blutbuche dient als Baum, als Schaukel und als Wurzelwerk), der Licht- und Schattenspiele und der Musik. Sondern auch und insbesondere durch das großartige Schauspiel von Lucy Wirth, die sich rastlos, verletzlich, angetrieben von dem Wunsch gibt, sich aus der Enge der eigenen Familie und den Fesseln einer Gesellschaft zu befreien, die Geschlecht strikt binär denkt.
Aufgewachsen ist Kim bei Bern, nun aber lebt und studiert Kim in Zürich. Daheim spricht man Schweizerdeutsch, aber wenn Kim sich abgrenzen will, wechselt sie ins Hochdeutsche. Fantastisch, wenn die übergroßen Hände der Großmeer nach dem Kind Kim greifen und Nähe erzeugen wollen. Kim will alles anders machen, will lesen, will studieren, will das Großstadtleben mit allen Facetten erleben. Und vor allem die eigene Identität erkunden. Bei der Beschreibung dieser Zeit in der Schwulenszene färbt sich die Bühne rötlich, hypnotisierende Kreise zucken zu pochenden Beats. Nein, hier kann sich Kim nicht finden, sucht rastlos in Zürich und in Bern weiter.
Die Last der
Familiengeschichte
Doch immer, wenn ein warmer Sommerwind durch die Blutbuche im Garten weht, schöpft sie wieder Kraft, schreibt die Familiengeschichte neu. Ihre Version der Geschichte. Früher fühlte sich ihr eigener Körper fremd an, nun bietet ihr neu gewonnenes Bewusstsein ihrem Körper ein Zuhause. „Meine Vatersprache ist Schweigen, meine Muttersprache ist Reden.“ Vom Ozean zur Meer, vom Meer zum Ahnen-Gefühlswirrwarr, aus dem man ein Leben lang versucht herauszuschwimmen. Doch so wie ein Baum nicht wachsen kann ohne Wurzeln, braucht auch ein Mensch ein Fundament und eine Zugehörigkeit, um darauf aufzubauen.
Deswegen löst Kim die Baumkrone, den Knoten, die Enden der Seile hängen lose herunter. Und doch weiß man als Zuschauer, dass Monster der Familie nicht oder nie ganz weggehen. Und dass vieles unausgesprochen bleibt. Ein wichtiges, ein mutiges Stück.