Wasserburg – „Mein Mann wollte ja immer auf den Dachstein, jetzt hat er sich auf das Besteigen der McGraw-Kaserne versteift.“ Was so losgeht, kann ja heiter werden. Auf einer Leinwand sieht man Esther Schöpf und Norbert Groh vor der McGraw-Kaserne und ahnt, dass das wohl ein schwierigeres Unterfangen werden könnte. Schnitt, nächstes Bild: Man sieht ein Schild mit der Aufschrift: Giesinger Höhe 550 m über der vielbefahrenen Straße zum Candidtunnel. Schnitt, Rainer Haustein (großartig in seiner Rolle als Präsident des FC Giesing) betritt die Bühne, erzählt von seinem Leben als Edeka-Mitarbeiter (von der Fleischtheke über die Abteilung Feinwaschmittel mit exotischen Geschmacksrichtungen bis zur Papeterie-Abteilung mit chinesischem Geschenkpapier).
Wieder Filmeinblendung: Burkhard Kosche (Benni) und Markus Stadler singen bei einer Trauerfeier. Beerdigt wird: Der „nie nachtragende“ Dackel Winnie (O-Ton Hundebesitzerin Michaela May). Wieder auf der Bühne schwärmt Ella (Isabell Kott), die Tochter von Linda, der ehemaligen Partnerin des Präsidenten des FC Giesing, vom Poetik-Seminar beim Peter (Sloterdijk). Plötzlicher Schwenk zur Frage: Brechen die Tiere aus dem Tierpark Hellabrunn aus? Wie schützt man sich vor Hyänen oder Wasserbüffeln? Drei Lagen Maschendrahtzaun, nachzulesen bei Brehms Tierleben Seite 85. Zumindest auf der Bühne. Noch viele weitere wunderliche Dinge, die die Rezensentin an der Stelle nicht allumfänglich wiedergeben kann, kommen zur Sprache. Alles spielt sich ab auf der Giesinger Höhe, rund um die Tegernseer Landstraße, die McGraw-Kaserne, das 60er-Stadion an der Grünwalder Straße, und das über und über mit Graffitis besprühte Gebäude der Stadtwerke München, bei denen man inzwischen nicht nur Bus fahren, sondern auch schauspielen lernen kann.
Nach der Pause treten Benni und Moni (Julia Gröbl), die früher als DJ Princess Moni im Baracuda aufgelegt hat – der Benni und wie sich später rausstellt auch der Präsident sind da nie reingekommen – aus dem Film auf die Bühne, freunden sich mit Ella an, die sie einlädt, bei ihr in der Zweck-WG mit dem Präsidenten zu übernachten. Geht nicht, sagt der Präsident, doch, sagt Ella. Daraus entwickelt sich eine sprachliche Fuge, die Karl Valentin nicht besser hätte ersinnen können. Da die Moni vermutlich vom Glenn Gould aus Toronto dessen Dauerkarte für den TSV 1860 kriegen kann, lässt sich der Präsident umstimmen.
Der Benni, früher im Thomanerchor, kann nichts bieten, außer dass er zuvor auf der Beerdigung vom Dackel Winnie gesungen hat. Der Präsident kennt aber nur einen Willy, der ist ein Cockerspaniel. „Es tät‘ mir schon leid, wenn jetzt der Willy gestorben wäre,“ und schon entwickelt sich eine Debatte, welcher Hund gestorben ist und wer die Hundebesitzerin war. Ausgehend von deren Haarfarbe! Und schon treten neue Themen in den Vordergrund. So zum Beispiel der Wunsch des Präsidenten, den Platz seines Clubs wieder bespielbar zu machen. Sollte aber tatsächlich auf dem Platz des FC Giesing gegraben werden, könnte die unter ihm liegende Hafeneinfahrt von Alexandria freigelegt werden.
Nichts passt in dem Stück zusammen und doch fügt sich irgendwie alles ein. Wahnsinn, was an einem einzigen Tag passieren kann. Wahnsinn, über was man sich den Kopf zerbrechen kann. „Giesing Mountain“ ist bayrische Dramenliteratur par excellence.
Der Irrsinn der Geschichte, der Texte, dazu die die famose schauspielerische Leistung – jeder Darstellende spielte perfekt die ihm zugedachte Rolle, blieb selbst bei den skurrilsten Szenen ernst – all das war große Theaterkunst. Ob allen Wasserburger Theaterbesuchern alle Münchner Schauplätze vertraut waren? Ob jeder wusste, dass „Giesing Mountains“ an Kastners „Die Sphinx von Giesing“ (zur Eröffnung vom Münchner Hofspielhaus vor über zehn Jahren) anknüpft? Egal, auch ohne das Vorwissen war es ein heiterer Theaterabend. Vielleicht sollte man auch einmal – sozusagen für das Gewinnen neuer Perspektiven – den „Giesing Mountain“ erklimmen. Elisabeth Kirchner