Ein Mann ohne eigenes Leben

von Redaktion

Teamtheater Tankstelle München spielt „Axiom“ bei Wasserburger Theatertagen

Wasserburg – Ein Axiom ist eine Wahrheit, die keiner Begründung bedarf, weil sie in sich schlüssig und unumstößlich ist. Genau mit diesem Begriff spielt die Inszenierung „Axiom“ des Teamtheaters Tankstelle München unter der Regie von Philipp Jescheck, die bei den Wasserburger Theatertagen zu sehen war.

Im Zentrum steht Julius (gespielt von Alexander Wagner), ein charmanter Museumswärter, Menschenfänger und Geschichtenerzähler. Er verfügt über jene Gabe, die viele bewundern: Er hat immer eine Geschichte parat, immer eine Beobachtung, immer eine kleine Weisheit für das Gegenüber.

Transparenz
als Prinzip

Eine halbrunde, leicht transparente Folienwand dominiert die Bühne. Hinter ihr verschwinden Figuren und tauchen wenige Augenblicke später in anderen Rollen wieder auf. Räume werden nicht gezeigt, sondern lediglich durch Klangräume behauptet.

Auch die sichtbar auf der Bühne platzierte Tontechnik wird Teil der Inszenierung. Sie ist auf einem mobilen Audiopult mit interaktivem Loop Recorder, auf der Bühne, gut sichtbar fürs Publikum untergebracht. Kurz: Alles wird transparent offengelegt.

Dazu kommen identische, in monotonem Grau gehaltene Bürokostüme, die nur durch wenige Accessoires verändert werden. Ein Pullover, eine Mütze oder ein anderes kleines Detail genügt, um neue Figuren entstehen zu lassen.

Das unterstützt das zentrale Motiv des Abends: Die eigene Identität erscheint als etwas Austauschbares, Zusammengesetztes und Fragiles.

Getragen wird die Inszenierung von vier Darstellern, die ihre Aufgaben mit großer Souveränität bewältigen. Besonders überzeugend ist der Tonfall des Spiels. Die Schauspieler begegnen einander mit einer Intimität und Selbstverständlichkeit, die privaten Charakter hat. Die zahlreichen Rollenwechsel gelingen mühelos, das Ensemble bewahrt die Wahrhaftigkeit der Momente. Gerade diese Unmittelbarkeit sorgt dafür, dass man den Figuren auch dann folgt, wenn die Handlung fransig bleibt.

Wenn die Fassade
endlich Risse bekommt

Denn die Schwäche des Abends liegt in der Dramaturgie. „Axiom“ entwickelt über weite Strecken keinen Spannungsbogen, sondern reiht vermeintliche Mikrogeschichten und Begegnungen aneinander. Der zugrundeliegende Film scheint stellenweise (zu) direkt übernommen, was mit den Mitteln der Bühne nicht harmoniert: Wo der Film immersive Bild- und Tonwelt bieten kann, die zum Verständnis der Geschichte beitragen, kann eine spartanische Bühne den Plot nicht so stark stützen. Hinzu kommen musikalische Zwischenspiele und choreografische Sequenzen, die handwerklich sauber umgesetzt sind, den Plot jedoch ebenfalls wenig voranbringen. Sie trennen die Szenen voneinander oder verbinden sie lose miteinander, ohne wesentlich zum Verständnis beizutragen. Erst nach etwa zwei Dritteln beginnt alles endlich einen Sinn zu ergeben, das Publikum hat nun endlich die Chance auf Erkenntnis, Zusammenhänge werden deutlich: Julius wird zunehmend mit Widersprüchen konfrontiert. Das zunehmende Versagen der behaupteten Identität wird durch das Durchbrechen der vierten Wand markiert. Plötzlich gewinnt der Abend an Tempo, Humor und Schärfe: Julius reagiert toxisch, wenn er durchschaut wird. Gaslighting wird zu seinem wichtigsten Verteidigungsmechanismus. Jede Nachfrage wird als Angriff verstanden. Je mehr sein Umfeld erkennt, dass seine Erzählungen nicht ihm gehören, desto heftiger verteidigt er sein zum Einsturz verurteiltes Kartenhaus. Ehrliche Empathie scheint ihm dabei vollständig fremd zu sein.

Was bleibt
vom eigenen Ich?

Das Titelbild zeigt einen gebrochenen, spiegelnden Charakter und bringt diese Idee eindrucksvoll auf den Punkt. Denn Julius ist kein gewöhnlicher Lügner, er erfindet nicht. Er besteht aus reflektierten Identitäten, seine Persönlichkeit setzt sich aus den Erfahrungen anderer Menschen zusammen. Wie viel von dem, was wir für unser Selbst halten, stammt tatsächlich von uns selbst? Und welche Bedeutung hat Authentizität in einer Gesellschaft, die unter dem Motto „Fake it till you make it“ steht? Die Diagnose ist interessant, die Schlussfolgerung bleibt undeutlich und am Ende fällt es schwer, einen moralischen Überbau herauszuarbeiten.

„Axiom“ ist ein im Ansatz klug gedachter und hervorragend gespielter Theaterabend, der mit einer reizvollen Grundidee und einer starken Ensembleleistung überzeugt. Gleichzeitig erschwert die Dramaturgie der Film-Adaption den Zugang zur zusammenhängenden und flüssigen Handlung.

Zurück bleibt ein unterhaltsamer, stellenweise philosophischer Abend, dessen stärkste Momente da liegen, wo die mühsam errichtete Fassade schließlich zu zerfallen beginnt.

Artikel 4 von 7