Rosenheim – Bei angenehmen 28 Grad warten die Fußballfans in Kumasi in Ghana auf das WM-Match ihrer Nationalmannschaft gegen Kroatien. Andere gehen ins Kino – in Kumasi und in der Haupstadt Accra laufen internationale Blockbuster wie „Masters of the Universe“ oder „Michael“, das Biopic über Michael Jackson. Bollywood ist ebenfalls populär, die Hindi-Action-Komödie „Welcome to the Jungle“ ist ein Hit. Oder man schaut eine ghanaische Produktion an wie „Sukura – the Homecoming“ – die Kinoszene in Ghana ist vielgestaltig.
Eine besondere
Kunstform
Was sich wiederum in einer besonderen Kunstform widerspiegelt – denn in Ghana werden Kinoplakate noch handgemalt, eine inzwischen aussterbende Spezies. Der Rosenheimer Dr. Wolfgang Stäbler hat seit 1999 rund 500 solcher Plakate gesammelt. Ein Fünftel davon gibt es jetzt in der städtischen Galerie in Rosenheim zu sehen. Bei nicht ganz so angenehmen 36 Grad Außentemperatur zog es überraschend viele Gäste zur Eröffnung in die kühlen Räume der Ausstellung, wo Leiterin Monika Hauser von einem „Herzensprojekt“ sprach, das seit 2011 geplant war. Der Zeitraum sei bewusst gewählt in Verbindung zum „Transit Art Festival“, denn sowohl die Street-Art-Kunstwerke als auch die Filmplakate seien im urbanen Raum außen zu sehen.
Oberbürgermeister Abuzar Erdogan betonte in seiner Eröffnungsrede die Vielgestaltigkeit des afrikanischen Kontinents mit über 50 Staaten und appellierte, die individuellen Unterschiede der Regionen und Länder zu berücksichtigen, weg vom eurozentristischen Blick mit größenverzerrter Weltkarte, die Afrika im Vergleich zu Europa viel zu klein zeige.
Dr. Patricia Wiegmann, stellvertretende Leiterin der Galerie, entlockte dem Sammler Dr. Stäbler in einem Interview kuriose Details zu dessen Sammeltätigkeit. Diese begann 1999 bei einem Familienurlaub in Ghana. Seitdem habe er bei vielen Aufenthalten seine Sammlung erweitert. „Der Opa spinnt“, meinte eine befreundete ghanaische Familie dazu, denn die Plakate genössen vor Ort eben keinen Kultstatus. Vielmehr seien sie sogar eine aussterbende Kunstform in einem immer globaleren Markt. Inzwischen sei das Aufspüren von Plakaten vor Ort schwierig. Ghana nimmt sogar eine Sonderstellung ein, denn in anderen afrikanischen Ländern gebe es diese Kunstform nicht, so der Sammler.
Der Rundgang wurde gewürzt durch kulinarische Spezialitäten aus Westafrika vom Team um Dorothy und Ruth, aus dem Garten gab es Sound von DJ SY aus Nigeria.
Wer die Ausstellung besucht, wird erst einmal von einer großen, sehr knalligen Wand mit vielen Plakaten gefesselt – unweigerlich überlegt man, welchen Film man schon selber gesehen hat. Vielleicht mit einer Spur Schmunzeln, denn künstlerisch wertvolle „Programmfilme“ sind nicht widergespiegelt, dafür umso mehr Action und Horror. Stars wie Arnold Schwarzenegger blicken handgemalt von der Wand, es gibt Monster und Martial-Arts-Ikonen wie Mark Dacascos zu sehen. Ein Raum widmet sich der Alltagskultur in Ghana mit Werbeplakaten von Friseursalons und einigen landeskundlichen Infos. Porträts von regionalen Plakatkünstlern vertiefen und zeigen das Genre auch als leider verschwindende Erwerbsquelle.
Der wohl spannendste Raum der Ausstellung zeigt den Aspekt „Mythen“ und Religion. In der Volkskultur ist Synkretismus weit verbreitet, hier mischen sich pfingstkirchliche Vorstellungen mit alten regionalen Mythen und Magie. Übernatürliche Kräfte, Hexen und Geister kommen in regionalen Filmproduktionen vor und damit auch in den Plakatdarstellungen mit krasser Motivik.
Hexen, Geister
und Übernatürliches
Im Zentrum steht oft „Mami Wata“, eine Art Nymphe, halb Frau halb Fisch. Den entsprechenden Hollywood-Streifen findet man in einem anderen Raum: Die Komödie „Splash“ mit Tom Hanks und Daryl Hannah in den Hauptrollen inspirierte einheimische Maler zu Darstellungen im Stile eines Gruselfilms – viel Spaß beim Entdecken vieler weiterer Details in einer sehr unterhaltsamen Ausstellung, die vielleicht ein wenig Lust macht auf eine Afrikareise.