Wasserburg – Dunkel auf der Bühne und ohrenbetäubende Klänge aus den Lautsprechern: Richard Wagners „Walkürenritt“ signalisiert einen „Weltwirtschaftskrieg“. Die Depression danach verführt die Bevölkerung dazu, eine rechtsradikale Partei zu wählen. Der Kanzler Hetzlaff (der mit dem kleinen Schnauzbärtchen!) mausert sich schnell zum Diktator, der „aufräumt“, vor allem mit Andersdenkenden oder der „iwischen“ Minderheit.
Wie wird nun das „Theater für die Jugend“ aus Burghausen sowie Regisseur und Autor Mario Eick die Kurve kriegen, um das Publikum im Theater Wasserburg zwei Stunden bei Laune zu halten? Das Programm verspricht eine „Komödie“, wenn auch eine „sehr schwarze“. Oder ist es nicht doch eher eine provozierende Polit-Satire, die nichts an möglichen Anspielungen auslässt, um die Zuhörer zu richtigem demokratischen Wahlverhalten zu ermahnen?
Wer Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“ kennt und liebt, wird zielorientiert durch den Plot geführt. Der Kenner goutiert die Anspielungen, aber auch die grotesken, ja ins Absurde gesteigerten Übertreibungen. Die „Komödie“ basiert auf dem Zufall, dass der kleine Friseur Sami dem Diktator Hetzlaff zum Verwechseln ähnlich ist (siehe Schnauzbärtchen!).
Der Diktator ist eine Parade-, Doppel- und „Hosenrolle“ für die hinreißende Anna März. Als Sami hat sie/er die Malerin Frau Liebermann (Emily Schmeller) zur Seite und den Hauptsturmführer Schultz (Bálint Walter), dem er einmal das Leben gerettet hat.
Zur Clique des Hetzlaff gehören, wie könnte es anders sein, der „Fettarsch“ Hermann Häring, ordenübersät und vulgär, aber deutlich etwas subaltern (Werner Schwarz). Zum Schlägertrupp der „Nationalgarde“ gehören die durchsetzungsfreudige, süffisant intrigierende Susan Hecker und (jeder der Schauspieler darf mehrere Rollen mimen) Werner Schwarz, beide dick verpackt in ihre Schlägermontur. Dann gibt es noch für Bálint Walter die Rolle des Würstchenverkäufers, der in seinem Topf aber nur Dampf feilzubieten hat.
Eine köstlich absurde Szene bestritt Walter als esoterisch-astrologischer Guru, der den Führer von „sexuellen Blockaden“ befreien soll. Da kam nicht nur spontaner Szenenapplaus, die Therapie war vielmehr so sehr geglückt, dass Hetzlaff nun die ganze große Erdkugel (diesen berühmten Luftballon) „umarmen“ will…
Einst war ja Mussolini der Rivale Hitlers, jetzt ist Hetzlaffs Gegenspieler der „transatlantische“ Donaldo Trampoloni: Wer von den beiden wird wohl nun das Land „Osterlitsch“ annektieren dürfen? Werner Schwarz mit strohblonder Perücke und siegessicher-jovialem Gebaren hatte schnell die Lacher auf seiner Seite. Man käme an kein Ende, wollte man alle Gags und witzigen Anspielungen aufzählen oder die virtuose Sprechartistik der Schauspieler gebührend würdigen. Jedenfalls gab‘s zum Schluss tosenden Applaus für alle Protagonisten und den anwesenden Mario Eick.
Kleiner Nachtrag: Schon Chaplins Film bot ein (verzweifeltes) Happy End. Auch Mario Eick wollte die Zuschauer nicht ungetröstet entlassen: Sami schlüpft unbemerkt in die Uniform des Diktators und hält eine humane Rede an das Volk: Füße seien nicht zum Marschieren, sondern zum Tanzen da! Gesagt, getan: Die Schauspieler holen sich aus dem Publikum die Partner und die „schwarze Komödie“ endet mit einem harmonischen Tableau. Harmlos? Mag sein – oder könnten wir an der Geschichte etwas ändern? Vertreter einer rechtsextremen Weltanschauung dürften sich kaum ins Theater verlaufen haben. Und die aufrechten Demokraten im Publikum wurden vom Haus mit einem Glas Prosecco verabschiedet. Ein starker Abend! Walther Prokop