Halfing – Moonwalk, Glitzerhandschuh oder sein schwereloses Anti Gravity Lean – Michael Jacksons Tanzstil war ein eigenes schillerndes Universum. Sänger, Tänzer, Kultfigur, Visionär – „Der King of Pop“ war eine tragische Lichtgestalt. Die Ballettchoreografen Peter Breuer und Alexander Wengler widmeten ihm einen „getanzten Nachruf“: Die Hommage „Moonwalk“ tourt seit ihrer Uraufführung in Salzburg 2019 mit der Tanzcompagnie des Europaballetts St. Pölten durch Europa. Ein Gastspiel beim Immling Festival entfesselte bei tropischen Temperaturen Begeisterungsstürme.
Das Choreografen-Team fasste Jacksons Lebensgeschichte in prägnante Tanzszenen: Benjamin Skupien als Michael näherte sich dem Original mit spürbarem Respekt. Bald war der Ort, an dem sonst große Oper wirkt, in einen vibrierenden Pop-Kosmos verwandelt: Im Black riss der markante Herzschlag-Sound von „Fever“ das Publikum aus dem Jetzt – und schon war man mittendrin, schrill kreischend wie die Tänzerinnen, die ihrem vom Tanzfieber ergriffenen Idol zujubelten. Michaels zündender Leidenschaft ist vom ersten Moment an seine innere Zerrissenheit gegenübergestellt: Drei (Michael-)Figuren machen sein Drama in berührenden Choreografien greifbar: Beobachtend, zuweilen beschützend, tanzt „Blue“ (Florient Cador) als Michaels „altes Ego“. In Rückblenden werden traumatisierende Kindheitserinnerungen getanzt, aber auch Glücksmomente, etwa wie er als kindlicher Shooting-Star die Weltbühnen erobert. Dass Klein-Michael liebt, was er tut, bringt Tsukino Ishii zum Ausdruck – auch seine Pein, wenn er vom Vater (Gabriel Perez) mit grausamer Brutalität zur Höchstleistung gedrillt wird. Zuweilen wirkt Michaels Tanzstil wie von außen gesteuert, wie ein kraftvoller Ausdruck von Verzweiflung. Die Interaktion der drei (Michael-) Tänzer lassen an eine Seelen-Multiplizität denken. Kraftvolle Tanzbilder in „Man in the Mirror“, dem Monstertanz „Thriller“ und – als Sehnsucht unerfüllter Liebe und bewegende Liebeserklärung an die Musik selbst – „I Just Can’t Stop Loving You“ rissen das Publikum mit. Ein liebvoller Tanzgruß an einen der größten Künstler des 20. Jahrhunderts – und, am Ende mit dem „Earth Song“ und einer Bühne voller nahezu nackter Tänzerinnen und Tänzer – ein umwerfend wirkstarker Aufschrei, der uns heute vielleicht noch deutlicher trifft als damals. Kirsten Benekam